second mate
09.10.2006, 18:29
Jens Jacob Eschels
Lebensbeschreibung eines alten Seemannes
Herausgegeben für das Deutsche Schiffahrtsmuseum von Albrecht Sauer, Convent Verlag, Hamburg 2006, 380 Seiten, Preis Euro 19.90
1833 brachte der in Altona ansässige Kapitän und Kaufmann Jens Jacob Eschels auf Drängen seiner Anverwandten seine Lebenserinnerungen zu Papier, die sich schwerpunktmäßig mit seiner Fahrenszeit als Seemann zwischen 1769 und 1798 befassen. 1835 veranlaßte er eine Drucklegung auf eigene Kosten und hinterließ uns damit einen der wichtigsten Zeitzeugenberichte zur Schiffahrt jener Jahre und eine der frühesten Kapitänsbiographien, aber auch ein selten anschauliches Sittenbild der Epoche.
Allerdings begann sein Dasein als Seemann sozusagen in einer Nische, geprägt von den besonderen sozioökonomischen Bedingungen auf der Insel Föhr. Der Föhrer begann sein Seefahrtsleben, und eine andere Karriere stand ihm damals kaum offen, typischerweise im Walfang, der zu Zeiten Eschels weitgehend in holländischer Hand war. Zu Beginn jeder Fangsaison verließen Hunderte Föhrer, vom Kommandanten, wie man die Walfangkapitäne nannte, bis zum Moses die Insel auf kleinen Schiffen Richtung Niederlande. Auch Jens Jacob, drittes Kind einer mittellosen Familie, macht sich 1769 als Elfjähriger auf nach Amsterdam, nachdem er sich schon im Jahr zuvor eine Heuer besorgt hatte. Seine fast dreißigjährige Seemannslaufbahn beginnt er somit auf einem Walfänger unter Grönland und überdies mit einem Schiffbruch. Ein solcher war, bedingt durch die Eispressungen, in den damaligen Fangflotten nichts Außergewöhnliches, in den meisten Fällen konnten die Schiffbrüchigen von anderen Fahrzeugen aufgenommen werden. Jens Jacob erreichte seine Retter zu Fuß übers Eis. So kehrte der Moses Eschels von seiner ersten Fahrt mit einem anderen Schiff zurück, als mit welchem er ausgelaufen war. Bis 1777 blieb er der Jagd auf den Wal treu und konnte das wechselvolle Spiel von Gewinn und Verlust reichlich auskosten. Denn es kam vor, daß die Fangschiffe die Kampagne abschlossen, ohne eines einzigen Wals habhaft geworden zu sein. Aus dieser Zeit erzählt Eschels, wie in den übrigen Abschnitten seines Berichts, in außergewöhnlich lebendiger und detailfreudiger Form. Als 1776 in Kopenhagen acht neue Walfänger ausgerüstet werden, sagt Jens Jacob den Holländern ade und verbringt die nächsten zwei Saisons unter dem Danebrog, zwar weiterhin vor dem Mast, aber als Bootssteurer, was ihm einen höheren Anteil am Fang einbringt.
Den Aufstieg zum Steuermann sollte Eschels erst in der Kauffahrtei erleben, in die er 1778 wechselt, beginnend auf dem Holländer DE VRAUW MARGARETHA in der europäischen Fahrt nach Hamina und Drammen. Reisen auf anderen holländischen Schiffen nach der Türkei und nach Westindien schließen sich an. Als er auf einer Heimreise von Grenada zum Untersteuermann befördert wird, ist das der Beginn einer geradezu fulguranten Achterschiffskarriere. Bereits auf der nächsten Westindientour ist er Obersteuermann der Bark HENRICUS DER VIERDE und eine weitere Reise später, mit 24 Jahren, ihr Kapitän. Bis 1789 wird er diesem Schiff und seinen Altonaer Reedern treu bleiben und damit Zucker, Kaffee und Tabak aus Westindien, Weizen aus Archangelsk, Wein aus Spanien oder Reis aus Texas holen. In seinem Bericht scheinen viele, in der Retrospektive exotisch anmutende Aspekte auf, etwa vor dem Hintergrund der damals in Mittelamerika üblichen Sklaverei oder des vor allem während der Allianzkriege ausufernden Kaperwesens. Letzteres stellte einen der Gründe dar, warum Eschels sich 1799 an Land zurückzog und sich, seine überseeischen Kontakte nutzend, in Altona als Kaufmann und Fabrikant betätigte.
Eschels Aufstieg von armen Föhrer Jungen zum Schiffsführer eines Handelsfahrers ist zweifellos seiner Begabung und einem Berg Glück zuzuschreiben. Als gläubiger Mensch war er überzeugt, daß ihn der Allmächtige für seine Geradlinigkeit und Tüchtigkeit belohnen wollte. Wie man es auch immer betrachtet, einer glückhaften Fügung bedufte es schon in jenen gefährlichen Zeiten der Schiffahrt, denen viele zum Opfer fielen, von denen keine Lebensberichte künden.
Über die Bedeutung als historische Quelle hinaus sind die „Lebensbeschreibungen“ eine Lektüre, die man als Lesebuch zur Erbauung gerne empfiehlt und die sich mindestens so spannend liest, wie etwa die – fiktiven - Abenteuer eines Horatio Hornblower.
Wolfgang Bühling
Lebensbeschreibung eines alten Seemannes
Herausgegeben für das Deutsche Schiffahrtsmuseum von Albrecht Sauer, Convent Verlag, Hamburg 2006, 380 Seiten, Preis Euro 19.90
1833 brachte der in Altona ansässige Kapitän und Kaufmann Jens Jacob Eschels auf Drängen seiner Anverwandten seine Lebenserinnerungen zu Papier, die sich schwerpunktmäßig mit seiner Fahrenszeit als Seemann zwischen 1769 und 1798 befassen. 1835 veranlaßte er eine Drucklegung auf eigene Kosten und hinterließ uns damit einen der wichtigsten Zeitzeugenberichte zur Schiffahrt jener Jahre und eine der frühesten Kapitänsbiographien, aber auch ein selten anschauliches Sittenbild der Epoche.
Allerdings begann sein Dasein als Seemann sozusagen in einer Nische, geprägt von den besonderen sozioökonomischen Bedingungen auf der Insel Föhr. Der Föhrer begann sein Seefahrtsleben, und eine andere Karriere stand ihm damals kaum offen, typischerweise im Walfang, der zu Zeiten Eschels weitgehend in holländischer Hand war. Zu Beginn jeder Fangsaison verließen Hunderte Föhrer, vom Kommandanten, wie man die Walfangkapitäne nannte, bis zum Moses die Insel auf kleinen Schiffen Richtung Niederlande. Auch Jens Jacob, drittes Kind einer mittellosen Familie, macht sich 1769 als Elfjähriger auf nach Amsterdam, nachdem er sich schon im Jahr zuvor eine Heuer besorgt hatte. Seine fast dreißigjährige Seemannslaufbahn beginnt er somit auf einem Walfänger unter Grönland und überdies mit einem Schiffbruch. Ein solcher war, bedingt durch die Eispressungen, in den damaligen Fangflotten nichts Außergewöhnliches, in den meisten Fällen konnten die Schiffbrüchigen von anderen Fahrzeugen aufgenommen werden. Jens Jacob erreichte seine Retter zu Fuß übers Eis. So kehrte der Moses Eschels von seiner ersten Fahrt mit einem anderen Schiff zurück, als mit welchem er ausgelaufen war. Bis 1777 blieb er der Jagd auf den Wal treu und konnte das wechselvolle Spiel von Gewinn und Verlust reichlich auskosten. Denn es kam vor, daß die Fangschiffe die Kampagne abschlossen, ohne eines einzigen Wals habhaft geworden zu sein. Aus dieser Zeit erzählt Eschels, wie in den übrigen Abschnitten seines Berichts, in außergewöhnlich lebendiger und detailfreudiger Form. Als 1776 in Kopenhagen acht neue Walfänger ausgerüstet werden, sagt Jens Jacob den Holländern ade und verbringt die nächsten zwei Saisons unter dem Danebrog, zwar weiterhin vor dem Mast, aber als Bootssteurer, was ihm einen höheren Anteil am Fang einbringt.
Den Aufstieg zum Steuermann sollte Eschels erst in der Kauffahrtei erleben, in die er 1778 wechselt, beginnend auf dem Holländer DE VRAUW MARGARETHA in der europäischen Fahrt nach Hamina und Drammen. Reisen auf anderen holländischen Schiffen nach der Türkei und nach Westindien schließen sich an. Als er auf einer Heimreise von Grenada zum Untersteuermann befördert wird, ist das der Beginn einer geradezu fulguranten Achterschiffskarriere. Bereits auf der nächsten Westindientour ist er Obersteuermann der Bark HENRICUS DER VIERDE und eine weitere Reise später, mit 24 Jahren, ihr Kapitän. Bis 1789 wird er diesem Schiff und seinen Altonaer Reedern treu bleiben und damit Zucker, Kaffee und Tabak aus Westindien, Weizen aus Archangelsk, Wein aus Spanien oder Reis aus Texas holen. In seinem Bericht scheinen viele, in der Retrospektive exotisch anmutende Aspekte auf, etwa vor dem Hintergrund der damals in Mittelamerika üblichen Sklaverei oder des vor allem während der Allianzkriege ausufernden Kaperwesens. Letzteres stellte einen der Gründe dar, warum Eschels sich 1799 an Land zurückzog und sich, seine überseeischen Kontakte nutzend, in Altona als Kaufmann und Fabrikant betätigte.
Eschels Aufstieg von armen Föhrer Jungen zum Schiffsführer eines Handelsfahrers ist zweifellos seiner Begabung und einem Berg Glück zuzuschreiben. Als gläubiger Mensch war er überzeugt, daß ihn der Allmächtige für seine Geradlinigkeit und Tüchtigkeit belohnen wollte. Wie man es auch immer betrachtet, einer glückhaften Fügung bedufte es schon in jenen gefährlichen Zeiten der Schiffahrt, denen viele zum Opfer fielen, von denen keine Lebensberichte künden.
Über die Bedeutung als historische Quelle hinaus sind die „Lebensbeschreibungen“ eine Lektüre, die man als Lesebuch zur Erbauung gerne empfiehlt und die sich mindestens so spannend liest, wie etwa die – fiktiven - Abenteuer eines Horatio Hornblower.
Wolfgang Bühling