second mate
29.10.2006, 17:41
Die Pamir, Dokumentarfilm über den Großsegler. Die Tragödie eines Segelschulschiffs.
DVD mit 88 Minuten Originalfilm aus dem Jahre 1959, Preis 29.95 Euro,
Bezug: atoll medien, Sierichstr. 145, 22299 Hamburg, www.atollmedien.de
Bereits als Pamir noch ohne Motor mit 33 Mann Besatzung unter der Laeisz-Flagge um Kap Horn zur Westküste Südamerikas fuhr, war sie Objekt publizistischen Interesses. 1930 nimmt der Seemann und Schriftsteller Heinrich Hauser an einer Ausreise nach Valparaiso teil, dreht dabei einen Dokumentarfilm und schreibt ein Tagebuch, welches seither unter dem Titel „Die letzten Segelschiffe“ zahlreiche Auflagen, die jüngste im Jahr 1986, erlebte und als eine der besten literarischen Reportagen der Literaturepoche der Neuen Sachlichkeit zugerechnet wird.
Als der Reeder Schliewen nach dem zweiten Weltkrieg Pamir und Passat vor dem Abwracker rettet und für die damals enorme Summe von 5,2 Millionen D-Mark zu komfortablen Schulschiffen umbauen läßt, findet dies nicht nur die Aufmerksamkeit der deutschen Presse, sondern der gesamten maritim orientierten Weltöffentlichkeit. Wieder ist es die Pamir, welche die größere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Über die erste Ausreise nach Rio de Janeiro 1952 unter Kapitän Greiff wurden gleich drei Berichte von Teilnehmern in Buchform publiziert. Hilary Tunstall-Behrens, ein Kadett, der im Rahmen eines deutsch-englischen Austauschprogramms an der Reise teilnimmt, schreibt ein Buch, das 1956 in London verlegt wird. Rudolf Andersch (nicht zu verwechseln mit dem Dichter Alfred Andersch), ein „Badegast“, veröffentlicht 1959 „Die weißen Schwingen, Leben und Sterben des Schiffes Pamir“. Erst 1987 erscheint der Bericht von Kadett Heino Grabler „Mit der Pamir 1952 nach Rio“. Aber auch die Filmbranche nimmt die Chance wahr, dieses Ereignis, von dem sich die einen den Wiederaufbau der deutschen Seeschiffahrt erhoffen, die anderen den Fortbestand der Großsegler erträumen, zu begleiten und so entsteht ein von Kameramann Bloch an Bord gedrehter Film.
Nach dem Pamir-Unglück 1957 stellt der Filmproduzent Heinrich Klemme aus dem Blochschen Material und anderen Dokumentarfilmen zum Untergang einen abendfüllenden Streifen zusammen, der unter dem Titel „Die Pamir“ in die Kinos kommt. Der große Erfolg bleibt dieser Produktion versagt, zum einen Teil deshalb, weil es wegen Streitigkeiten mit der Filmbewertungsstelle kein Prädikat gab, zum anderen weil der amerikanische Breitwandcolor-Film „Windjammer“ etwa zur gleichen Zeit in die Lichtspielhäuser kommt und ihr den Rang abläuft. Klemmes Pamir-Film geriet in Vergessenheit und galt später als verschollen. 1990 fand Eggert Woost vom Hamburger Filmmuseum mehrere Kopien bei einem Trödler und sicherte sich von Klemme die Filmrechte.
Die vorliegende DVD bietet den Originalstreifen von 1959 in Gesamtlänge von 88 Minuten. Der größere Anteil entfällt dabei, wie gesagt, auf den von Januar bis März 1952 auf der Reise von Hamburg nach Rio de Janeiro an Bord gedrehten Film. Ein zweiter Abschnitt schildert die Ereignisse um den Untergang im September 1957, im wesentlichen auf der Basis von Wochenschauberichten. Schließlich gibt’s noch sogenanntes Bonusmaterial in Form von fünfzig historischen Fotos, einer Presseschau zum Untergang und anderes mehr.
Pamir geriet bei der Ausreise 1952 in der Nordsee in einen Jahrhundertsturm. Die im Blochschen Film gezeigten Sturmszenen stammen jedoch nicht von dieser Reise, sie finden sich bereits in dem eingangs erwähnten Film von Heinrich Hauser von 1930. Auch die Körnigkeit des Filmmaterials zeigt, daß hier ganz offenbar Fremdmaterial eingearbeitet wurde, ohne dies entsprechend zu kommentieren. Clipper-Steuermann und Inhaber einer Filmwerkstatt Fritz Baier hat hierzu eine noch interessantere Variante. Nach seiner Auffassung stammen diese Passagen auch nicht von Hauser, sondern ursprünglich von dem Meereskundler Graf Larisch-Moennich, dem Verfasser des Buches „Sturmsee und Brandung“, der schon vor dem ersten Weltkrieg auf POSEN und PIRNA gedreht hatte. Zu dieser Hypothese würde passen, daß vom Hauser-Film in den Archiven mehrere Versionen existieren und einige davon die Sturmszenen nicht enthalten. Möglicherweise wurden diese, nachdem Hauser 1939 ins Exil gegangen war, in diversen Bearbeitungen des Streifens von fremder Hand hinzugefügt.
Abgesehen vom unstreitbaren schiffahrtshistorischen Gehalt ist die hier vorgestellte, nunmehr auf DVD erhältliche Filmarchivalie aber durchaus auch von zeit- und filmgeschichtlicher Bedeutung.
In die wochenschauartige Präsentation mischt sich ein Aufatmen darüber, daß ein friedlicher Warenverkehr und eine Kommunikation mit Übersee wieder möglich sind, aber auch ein unverkennbares „Wir-sind-wieder-wer“- Pathos. Ebenfalls unverkennbar ist das Bemühen, die Schulschiffunternehmungen Schliewens in positivistischer Weise darzustellen, ein reedereieigener Werbefilm hätte nicht anders ausgesehen. Ebenso überzogen, wie die Medienschelte später nach dem Untergang ausfallen wird, überschüttet die Publizistik das Unternehmen zu Beginn mit Vorschußlorbeeren ohne jegliche Hinterfragungen von Finanzierbarkeit, Notwendigkeit von Segelschiffsausbildung oder schiffbaulicher Sicherheit von 50 Jahre alten, durch Kap Horn-Stürme geprügelten Frachtschiffen.
Für den Benutzer mit maritimem Blickwinkel wird besonders der Vergleich mit der durch den Film von Heinrich Hauser dokumentierten Vorkriegsschiffahrt wichtig und von Gewinn sein, denn zwischen den Kap-Horn-Fahrten von 1930 und den Rio-Reisen auf motorisierten und mit allem denkbaren Komfort ausgestatteten Schulschiffen 1952 liegen Welten.
Wolfgang Bühling
DVD mit 88 Minuten Originalfilm aus dem Jahre 1959, Preis 29.95 Euro,
Bezug: atoll medien, Sierichstr. 145, 22299 Hamburg, www.atollmedien.de
Bereits als Pamir noch ohne Motor mit 33 Mann Besatzung unter der Laeisz-Flagge um Kap Horn zur Westküste Südamerikas fuhr, war sie Objekt publizistischen Interesses. 1930 nimmt der Seemann und Schriftsteller Heinrich Hauser an einer Ausreise nach Valparaiso teil, dreht dabei einen Dokumentarfilm und schreibt ein Tagebuch, welches seither unter dem Titel „Die letzten Segelschiffe“ zahlreiche Auflagen, die jüngste im Jahr 1986, erlebte und als eine der besten literarischen Reportagen der Literaturepoche der Neuen Sachlichkeit zugerechnet wird.
Als der Reeder Schliewen nach dem zweiten Weltkrieg Pamir und Passat vor dem Abwracker rettet und für die damals enorme Summe von 5,2 Millionen D-Mark zu komfortablen Schulschiffen umbauen läßt, findet dies nicht nur die Aufmerksamkeit der deutschen Presse, sondern der gesamten maritim orientierten Weltöffentlichkeit. Wieder ist es die Pamir, welche die größere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Über die erste Ausreise nach Rio de Janeiro 1952 unter Kapitän Greiff wurden gleich drei Berichte von Teilnehmern in Buchform publiziert. Hilary Tunstall-Behrens, ein Kadett, der im Rahmen eines deutsch-englischen Austauschprogramms an der Reise teilnimmt, schreibt ein Buch, das 1956 in London verlegt wird. Rudolf Andersch (nicht zu verwechseln mit dem Dichter Alfred Andersch), ein „Badegast“, veröffentlicht 1959 „Die weißen Schwingen, Leben und Sterben des Schiffes Pamir“. Erst 1987 erscheint der Bericht von Kadett Heino Grabler „Mit der Pamir 1952 nach Rio“. Aber auch die Filmbranche nimmt die Chance wahr, dieses Ereignis, von dem sich die einen den Wiederaufbau der deutschen Seeschiffahrt erhoffen, die anderen den Fortbestand der Großsegler erträumen, zu begleiten und so entsteht ein von Kameramann Bloch an Bord gedrehter Film.
Nach dem Pamir-Unglück 1957 stellt der Filmproduzent Heinrich Klemme aus dem Blochschen Material und anderen Dokumentarfilmen zum Untergang einen abendfüllenden Streifen zusammen, der unter dem Titel „Die Pamir“ in die Kinos kommt. Der große Erfolg bleibt dieser Produktion versagt, zum einen Teil deshalb, weil es wegen Streitigkeiten mit der Filmbewertungsstelle kein Prädikat gab, zum anderen weil der amerikanische Breitwandcolor-Film „Windjammer“ etwa zur gleichen Zeit in die Lichtspielhäuser kommt und ihr den Rang abläuft. Klemmes Pamir-Film geriet in Vergessenheit und galt später als verschollen. 1990 fand Eggert Woost vom Hamburger Filmmuseum mehrere Kopien bei einem Trödler und sicherte sich von Klemme die Filmrechte.
Die vorliegende DVD bietet den Originalstreifen von 1959 in Gesamtlänge von 88 Minuten. Der größere Anteil entfällt dabei, wie gesagt, auf den von Januar bis März 1952 auf der Reise von Hamburg nach Rio de Janeiro an Bord gedrehten Film. Ein zweiter Abschnitt schildert die Ereignisse um den Untergang im September 1957, im wesentlichen auf der Basis von Wochenschauberichten. Schließlich gibt’s noch sogenanntes Bonusmaterial in Form von fünfzig historischen Fotos, einer Presseschau zum Untergang und anderes mehr.
Pamir geriet bei der Ausreise 1952 in der Nordsee in einen Jahrhundertsturm. Die im Blochschen Film gezeigten Sturmszenen stammen jedoch nicht von dieser Reise, sie finden sich bereits in dem eingangs erwähnten Film von Heinrich Hauser von 1930. Auch die Körnigkeit des Filmmaterials zeigt, daß hier ganz offenbar Fremdmaterial eingearbeitet wurde, ohne dies entsprechend zu kommentieren. Clipper-Steuermann und Inhaber einer Filmwerkstatt Fritz Baier hat hierzu eine noch interessantere Variante. Nach seiner Auffassung stammen diese Passagen auch nicht von Hauser, sondern ursprünglich von dem Meereskundler Graf Larisch-Moennich, dem Verfasser des Buches „Sturmsee und Brandung“, der schon vor dem ersten Weltkrieg auf POSEN und PIRNA gedreht hatte. Zu dieser Hypothese würde passen, daß vom Hauser-Film in den Archiven mehrere Versionen existieren und einige davon die Sturmszenen nicht enthalten. Möglicherweise wurden diese, nachdem Hauser 1939 ins Exil gegangen war, in diversen Bearbeitungen des Streifens von fremder Hand hinzugefügt.
Abgesehen vom unstreitbaren schiffahrtshistorischen Gehalt ist die hier vorgestellte, nunmehr auf DVD erhältliche Filmarchivalie aber durchaus auch von zeit- und filmgeschichtlicher Bedeutung.
In die wochenschauartige Präsentation mischt sich ein Aufatmen darüber, daß ein friedlicher Warenverkehr und eine Kommunikation mit Übersee wieder möglich sind, aber auch ein unverkennbares „Wir-sind-wieder-wer“- Pathos. Ebenfalls unverkennbar ist das Bemühen, die Schulschiffunternehmungen Schliewens in positivistischer Weise darzustellen, ein reedereieigener Werbefilm hätte nicht anders ausgesehen. Ebenso überzogen, wie die Medienschelte später nach dem Untergang ausfallen wird, überschüttet die Publizistik das Unternehmen zu Beginn mit Vorschußlorbeeren ohne jegliche Hinterfragungen von Finanzierbarkeit, Notwendigkeit von Segelschiffsausbildung oder schiffbaulicher Sicherheit von 50 Jahre alten, durch Kap Horn-Stürme geprügelten Frachtschiffen.
Für den Benutzer mit maritimem Blickwinkel wird besonders der Vergleich mit der durch den Film von Heinrich Hauser dokumentierten Vorkriegsschiffahrt wichtig und von Gewinn sein, denn zwischen den Kap-Horn-Fahrten von 1930 und den Rio-Reisen auf motorisierten und mit allem denkbaren Komfort ausgestatteten Schulschiffen 1952 liegen Welten.
Wolfgang Bühling