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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Garrn/Kühnel, Handbuch für Bootsleute auf Traditionsseglern


second mate
09.04.2007, 19:07
Jochen Garrn/Martin Kühnel
Handbuch für Bootsleute auf Traditionsseglern
DSV-Verlag, Hamburg 2007, Vertrieb: Delius Klasing Verlag Bielefeld, 160 Seiten, Preis: Euro 24,90
Jochen Garrn hatte mit seinem Erstlingswerk Handbuch für Decksleute ins Schwarze getroffen. Die Publikation wurde in Traditionschiffkreisen gut angenommen und findet sich bei Vielen als Standardgepäck im Seesack. In Verbindung mit Martin Kühnel ließ der Autor nunmehr eine zweite Veröffentlichung folgen, zu der gleich eingangs gesagt werden soll, daß diese hinsichtlich der Themenauswahl sicherlich nicht nur für den Bootsmann von Interesse ist.
Der erste Abschnitt des Buches ist der Konservierung und Pflege von Rumpf und Aufbauten gewidmet. Der Autor geht zunächst auf die Behandlung von Stahlbauten ein und gibt hier eindeutig modernen Anstrichsystemen von Epoxidharz bis Zink-Silikat den Vorzug. Es versteht sich von selbst, daß hier die unterschiedlichen Eigenschaften der verschiedenen Anstriche nur charakterisiert werden, nicht aber detailliert auf deren Anwendung eingegangen werden kann. Das gleiche gilt für summarische Hinweise zu Antifoulinganstrichen für Holzrümpfe. Dem Zug der Zeit folgend werden Hinweise zur umweltverträglichen Verarbeitung der Materialien gegeben und auf die entsprechenden, inzwischen sehr strengen Regelwerke hierzu hingewiesen.
Richtig traditionell wird es dann im anschließenden Kapitel Riggpflege beim Labsalben. Während für blanke Drähte Dinitrol empfohlen wird, gibt es für bekleidetes Gut doch noch etwas aus der alten Schiffahrt: 70% Holzteer gemischt mit Leinölfirnis und Sikkativ. Früher übliche Beimengungen von Fischtran dagegen werden heute nicht mehr empfohlen. Schade eigentlich, das gäbe dem Ganzen so einen Hauch von Moby Dick-Romantik. Auch das gute alte Bleiweiß taucht noch auf, gemischt mit Wasserpumpenfett als Konservierung für Spannschrauben. Sehr begrüßenswert ist der wichtige Hinweis darauf, daß Ermüdungsbrüche bei VA-Drähten sich nicht vorher durch entsprechende Anzeichen ankündigen. Eine Tatsache, die man Schiffszuständigen nicht dick genug ins Stammbuch schreiben kann. Auch bei Clipper, denn unsere Johnny ist zwar das jüngste Schiff der Flotte, aber auch immerhin schon 33 Jahre alt.
Unmittelbar und im engeren Sinne an den Bootsmann richtet sich der folgende Abschnitt über das Ausrichten der Masten sowie über das Spannen von Wanten, Stagen und Pardunen. Die anschließenden Ausführungen über das Einbinden von Kauschen in die schweren Drähte der Mastabstagung sind mit besonders aufwendigen Zeichnungen unterlegt. Weitere Abschnitte behandeln Segelreparaturen, ein Thema, das jeden wohl früher oder später angeht, und, eher ein Sonderfall, das Knüpfen von Klüvernetzen. Nicht für das Do-it-yourself-Verfahren geeignet, sondern nur durch zugelassene Taklereien statthaft ist das Herstellen von Pressaugen, dennoch gehören Grundkenntnisse solcher Verbindungen zum Wissen des Bootsmanns. Webeleinen rutschsicher annähen dagegen sollte wiederum jeder an Deck kennen und können.
Natürlich dürfen beim Knoten- und Fancywork-Spezialisten Jochen Garrn seemännische Tauwerksarbeiten auch in diesem Band nicht fehlen, vorgestellt werden traditionelle Fender und Schamfielingsmatten.
Der Band bringt weiterhin Interessantes zum Freischleppen und Dauerschleppen von Traditionsschiffen, hierbei auch Informationen, die man sonst schwerlich findet, etwa zur Zugkraft von Außenbordern bei Ausbringen eines Warpankers. Wer realisiert schon, dass die Schleppkraft eines 25 PS-Außenborders schon nach 14 m ausgebrachter Ankerkette erschöpft ist? Beim Thema Schleppen von Traditionsseglern durch Traditionssegler wird auf den erheblichen Windfang beider Riggs im Falle von Gegenwind aufmerksam gemacht. Schleppende Fahrzeuge mit geringer Motorleistung kommen hier sehr schnell an ihre Grenzen.Das Buch schließt mit verschiedenen ausgewählten Themen zum Verhalten bei Seenotfällen, zum Beispiel Abbergen von Kranken durch Hubschrauber oder Bergen von Personen aus dem Rigg, letzteres natürlich vor allem auf Rahseglern ein wichtiges und selten genügend beachtetes Problem. Das Bergen eines Überbordgegangenen wird unter Betonung des Phänomens der Unterkühlung besprochen, es schließt sich ein kurzer Beitrag zu Kälteschutzanzügen an.
Als Fazit bleibt, daß Jochen Garrn, der sich inzwischen auch durch Seminare zum Thema Seemannschaft einen Namen machte, erneut viel wichtige Seemannschaft in sachkundiger und didaktisch geeigneter Form publiziert hat. Joachim Fielitz, in seinem ersten Traditionsschifferleben übrigens Clipperianer, hat, wie im ersten Band, wiederum sehr schöne und akribisch ausgearbeitete Handzeichnungen beigesteuert. Eine stringente thematische Trennung der beiden Bände, wie sie die Titel suggerieren, lässt sich allerdings nicht nachvollziehen. Gerade der nunmehr erschienene Band enthält zahlreiche Aspekte, die nicht nur die Bootsleute angehen, sondern mindestens ebenso wichtig für die übrige Mannschaft sind. Beispielweise das richtige Anlegen von Sicherheitsgurten, Festmachen an Pollern oder Hilfsmaßnahmen bei Personenunfällen, wie etwa Unterkühlung. Das jetzt in einem eigenen Band vorliegende Material hätte, auch aus diesem Grund, nach Meinung des Rezensenten besser in eine überarbeitete Fassung des ersten Handbuches gepaßt.
© Wolfgang Bühling