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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Karting, Deutsche Schoner, Band VI


second mate
26.05.2007, 20:42
Herbert Karting
Deutsche Schoner, Band VI, Eiserne und stählerne Schoner von holländischen Werften unter deutscher Flagge, Verlag Hauschild, Bremen 2007, 382 Seiten, Preis: Euro 64.00
Der sechste Band der Schoner-Reihe aus der Feder von Clipper-Kapitän Herbert Karting befasst sich auf stattlichen dreihundertachtzig Seiten mit den Produkten holländischer Werften, die, von deutschen Eignern gerne gekauft, über viele Jahrzehnte einen erheblichen Prozentsatz der Küstenschiffstonnage unter deutscher Flagge ausmachten. Im Gegensatz zu den skandinavischen Ländern, wo sich der Holzschiffbau bei Küstenschiffen als sehr zählebig erwies, hatte man auf den britischen Inseln sich sehr frühzeitig, etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts, dem Bau eiserner Fahrzeuge zugewandt. Bald folgte das waldarme Holland diesem Beispiel, man baute eiserne, später stählerne Tjalken, Ewer und Galeasen, auch für den Export in das Nachbarland. 1897 begann dann die Produktion von Stahlschonern, unter anderem für deutsche Rechnung. Das einleitende Kapitel zu diesen Hintergründen ist recht knapp gefasst, mehr zu den Entwicklungen findet sich dann allerdings im anschließenden Kapitel über die Bauwerften. Schwerpunktmäßig werden sieben Werften vorgestellt, die entsprechenden Listen der Neubauten für deutsche Rechnung stellen an sich schon einen Wissensschatz von erheblicher schiffahrtshistorischer Bedeutung dar. Die Namen der Werftsitze wie Martenshoek, Stadskanal und Waterhuizen haben auch heute noch beim Kundigen einen guten Klang.
Auch wenn man die Beschränkung auf einen Schiffstyp in Rechnung stellt, ist es doch schier unglaublich, welche enorme Datenfülle hier von einem einzigen Verfasser zusammengetragen und sachgerecht aufbereitet wurde. Dies betrifft auch und gerade die Lebensläufe der einzelnen Fahrzeuge, die sich in den hier vorliegenden Fällen über viele Jahrzehnte und nicht selten bis in die heutige Zeit erstrecken, ein, über den schiffahrtshistorischen Gehalt hinaus, spannendes Lesevergnügen. Da ist zum Beispiel ALBATROS, 1919 in Slikkerveer als Lotsenschoner gebaut, also zu einer Zeit da noch drei holländische Stationen mit Lotsenseglern besetzt waren. 1930 erfolgte der Verkauf an die Deutsche Lufthansa, welche den Umbau zum "Luftschiff-Hilfsfahrzeug" veranlasste. Mit einem 118-PS-Diesel und einer leistungsfähigen Funkstation ausgestattet, wurde das Fahrzeug unter dem Namen ORION in Las Palmas stationiert und diente den auf der Südamerikaroute verkehrenden Luftfahrzeugen als Leitstelle und Zwischenstation für den Funkverkehr mit der Überseefunkstelle Quickborn. 1933 wurde der Schoner als Ersatz für die untergegangene NIOBE an den Segelschonerverband Reichsmarine ausgeliehen, 1934 wiederum als Flugsicherungsschiff auf den Kanaren eingesetzt. 1939 kam das Fahrzeug als Ausbildungsschiff zur Luftwaffe-Seefahrtsschule Lobbe. Der Koninklijke Rotterdamsche Lloyd erwarb die Kriegsbeute 1949 und setzte das Schiff bis 1954 unter dem alten Namen ALBATROS als Schulsegler für seinen seemännischen Nachwuchs ein. Traurigen Ruhm erwarb ALBATROS, zur Brigantine umgeriggt, unter ihrem amerikanischen Eigner Christopher B. Sheldon, als sie 1961 in der Karibik von einer weißen Bö getroffen wurde und sank. Weithin bekannt wurde auch der Segellogger STERNA, 1912 in Leiderdorp vom Stapel gelaufen. 1927 zum Motorfrachter konvertiert, erwarb Graf Luckner das Schiff 1937 und ließ es in Hamburg zu einem recht gelungenen Segler mit Klipperbug und niedrigem Schonerrigg umbauen, mit dem er eine zweieinhalbjährige Weltumsegelung durchführte, die er in "Seeteufels Weltfahrt" geschildert hat. Der Schoner, heute als NADESHDA dem St. Petersburg Central Yacht Club gehörend, wurde 2006 für 150 000 Dollar zum Verkauf angeboten. Aber noch viel, viel mehr gibt es zu entdecken, etwa zur Geschichte von Joachim Kaisers UNDINE oder über GROSSHERZOGIN ELISABETH, aber auch über die zahllosen Einheiten, die längst abgewrackt oder versunken sind.
Interessant sind auch Vergleiche der Rumpfformen. Während sich später, wie bei den Schiffen der großen Fahrt, die Kombination von Klipperbug und überhängendem Seglerheck als Standard heraus kristallisierte, gab es durch aus auch stählerne Jachtschoner mit Spiegel. Einen senkrechten Vorsteven hatten die Heringslogger, von denen etliche später zu Frachtschonern umgebaut wurden, ihnen ist ein eigener Abschnitt gewidmet.
Ein dem Band beigegebener Anhang enthält unter anderem einen Exkurs über die Versuche, verschiedene Fahrzeuge mit Mittelschwertern auszurüsten, in der Bestrebung, den nach holländischer Machart gefertigten, relativ völligen Rümpfen mit geringer Aufkimmung bessere Segeleigenschaften zu verleihen. Auch die Statistik kommt noch einmal zu ihrem Recht: Die nach Deutschland eingeführten Schoner werden, geordnet nach zwei- und dreimastigen Fahrzeugen und noch ein weiteres mal nach reinen Seglern und motorisierten Schiffen, aufgeführt. Selbstverständlich für alle Karting-Bände sind umfangreiche Findmittel in Form von Namens- und Schiffsregistern, sowie ein Literaturverzeichnis. Ebenfalls von gewohnter Qualität ist die durchgehende illustrative Ausstattung mit historischen Fotos und Rissen.
Angekündigt ist bereits der siebte und letzte Band der Reihe, der sich Ankäufen, Umbauten und Restbeständen an Schiffsraum widmet.
© Wolfgang Bühling