second mate
15.07.2007, 00:24
Klaus Müller
Frühe Seereisen in die "Kap-Hoorn-Region", Ingo Koch Verlag, Rostock 2002, 155 S., Preis: Euro:33.00
Den Begriff Kap Horn verbindet der schiffahrtsgeschichtlich Interessierte von heute in der Regel zunächst mit den Schiffen der Salpeterfahrt des ausgehenden neunzehnten und des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts. Dabei wird angesichts der bedeutsamen seglerischen Leistungen zumeist übersehen, daß dieser Fahrt nur eine kurze Blütezeit beschieden war und daß ihre wirtschaftliche Bedeutung, gemessen an der Welthandelstonnage, nur eine verschwindend geringe war. Die Kauffahrteischiffahrt um Kap Horn insgesamt ist nur einige Dekaden älter, sie hatte ursprünglich mit dem Goldrausch in Kalifornien, also 1848, eingesetzt. Dennoch bleibt auch die gesamte Epoche episodenhaft, verglichen mit den mehrhundertjährigen Traditionen etwa der Ostseeschiffahrt der Hanse oder der Ostindienfahrt. Alles was sich vor der magischen Zahl 1848 in den Gewässern zwischen der Magellanstraße und der Antarktis abspielte, waren Einzelunternehmungen von ausgesprochenem Expeditionscharakter.
Klaus Müller hat die zweifellos reizvolle Aufgabe angepackt, die frühen Reisen in der Region in einer Monographie zusammen zu stellen, nach Wissen den Rezensenten der einzige derzeit lieferbare Titel in dieser Richtung. Die Einteilung des Bandes in drei "Bücher" und insgesamt elf, durchlaufend gezählte, "Hauptstücke" imponiert etwas extravagant und verleiht der Publikation eine gewisse biblische Attitüde. Diese formell etwas außergewöhnliche Gliederung ist aber inhaltlich wohl geraten. Der Autor faßt die Unternehmungen der einzelnen Kapitäne und ihrer Schiffe bzw. Flotten zu Epochen zusammen, die eine einwandfreie Zuordnung zu den allgemeingeschichtlichen Hintergründen ermöglichen. So stehen die Entdeckungsfahrten von Vespucci und Magellan als "Spanisches Präludium" unter dem Motto "Ein Kontinent steht im Wege", Symbol für die geographischen Probleme, die Machtsphäre der Spanier, welchen im Vertrag von Tordesillas die westliche Hemisphäre zugesprochen wurde, zu erweitern. Magellan prägte diesen Zeitabschnitt mit der Auffindung einer Durchfahrt durch den amerikanischen Kontinent und der ersten Weltumsegelung, wenn er auch an deren Vollendung selbst nicht mehr Teil hatte. Den Entdeckern folgten die Piraten und Kaufleute, erstere vornehmlich Engländer, letztere vor allem Holländer. Holländer waren es auch die mit der ersten Umfahrung der Südspitze Amerikas die eigentliche Kap Horn-Schiffahrt einleiteten. Im Januar 1616 umfuhr die EENDRACHT als erstes Schiff das Kap, dem die Führer der Expedition, Schooten und Le Maire, den Namen der holländischen Stadt Hoorn gaben. Die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts nannte der Verfasser die "Ära der Seemächte in der Kap Hoorn-Region", beteiligt waren hier Engländer, Franzosen und Holländer. Das dritte "Buch" beginnt mit der "zweiten Entdeckung der Welt" im Zeichen der Aufklärung, mit Bougainville und Cook als herausragenden Persönlichkeiten.
Gerade angesichts der großen Qualitäten, welche diese Publikation zweifellos hat, erscheinen die Mängel besonders bedauerlich. Dabei wird man dem Autor typische Anfängerfehler nicht zu sehr ankreiden. Nicht entschuldigt werden aber kann das Lektorat, das offenbar nicht über die gleich Sachkunde verfügt wie der Autor. So muß sich etwa der Kommandant der weithin bekannten BOUNTY, William Bligh, mit "Blight" zitieren lassen und das gleich vier mal. Und Joshua Slocum, der erste Einhand-Weltumsegler, wird in "Jasua" umgetauft. Wenn solche Schnitzer nicht beim Gegenlesen ausgemerzt werden, dann kann man sich den Lektor auch sparen. Zumal das Publikum, welches zu solchen Büchern greift, in der Regel mit den genannten Persönlichkeiten und anderen Exponenten der Schiffahrtsgeschichte wohl vertraut ist. Der Autor verfügt offenbar über kartographische Kenntnisse, die, was bei einem Titel dieser Art sehr begrüßenswert ist, in sehr zahlreiche Kartenskizzen einfließen, welche die einzelnen Unternehmungen veranschaulichen können und sollen. Dabei geht die Lust am Zeichnen aber nicht selten mit dem Autor durch. Ein typisches Beispiel ist die Darstellung der zwei Versuche von Spilberghens Ansteuerung der Magellanstraße im Jahre 1615. Daß die beiden, mit zahlreichen Kreuzkursen behafteten Routen auf einer Darstellung übereinander projiziert werden, führt zu einem, für den Benutzer nicht mehr nachvollziehbaren Kurswirrwarr, der durch ein falsches Datum (8.IV. statt 8.III.) noch vollends zur Konfusion gerät. Zwei technische Skizzen sollen die größere Effizienz moderner Riggformen, vor allem bezüglich der Höhe am Wind, verdeutlichen. Daß dabei, wie dargestellt, der wahre Wind von Luv einfällt, ist logisch, nicht erklärbar ist aber, daß der scheinbare Wind das Schiff in Leerichtung verlässt. Es müßte dem Verfasser doch klar sein, daß der scheinbare Wind nur an Bord des Fahrzeugs selbst existieren kann und nicht in Lee davon. Abgesehen von dem Paradoxon, daß gerade das modernere der beiden Schiffe mit einer größeren Abdrift dargestellt wird.
Daß der Autor nicht über die Beschränkung des Meisters verfügt, zeigt er in der Schlußbetrachtung mit einer Bemerkung über den Falklandkonflikt der 1980er Jahre, indem er sich über die "verdiente Tracht Prügel, welche die Schlachtschiffe der Queen den fremden Diktatoren verabreicht hatten", ausläßt. Das ist Landserheft-Mentalität oder bestenfalls Leserbriefniveau und gehört nicht in ein seriöses Sachbuch über Entdeckungsgeschichte. Auch hieran hat das Lektorat seinen – unguten - Anteil.
Was soll man als Fazit zu einer solchen Publikation sagen? Am ehesten würde man sich eine sorgsam bearbeitete Neuauflage wünschen, denn die vom Autor akribisch erarbeiteten und didaktisch gut vermittelten Grundzüge der Kap Horn-Fahrt vor 1848 sind zu wertvoll, um wegen der unübersehbaren Mängel des Titels verworfen zu werden.
© Wolfgang Bühling
Frühe Seereisen in die "Kap-Hoorn-Region", Ingo Koch Verlag, Rostock 2002, 155 S., Preis: Euro:33.00
Den Begriff Kap Horn verbindet der schiffahrtsgeschichtlich Interessierte von heute in der Regel zunächst mit den Schiffen der Salpeterfahrt des ausgehenden neunzehnten und des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts. Dabei wird angesichts der bedeutsamen seglerischen Leistungen zumeist übersehen, daß dieser Fahrt nur eine kurze Blütezeit beschieden war und daß ihre wirtschaftliche Bedeutung, gemessen an der Welthandelstonnage, nur eine verschwindend geringe war. Die Kauffahrteischiffahrt um Kap Horn insgesamt ist nur einige Dekaden älter, sie hatte ursprünglich mit dem Goldrausch in Kalifornien, also 1848, eingesetzt. Dennoch bleibt auch die gesamte Epoche episodenhaft, verglichen mit den mehrhundertjährigen Traditionen etwa der Ostseeschiffahrt der Hanse oder der Ostindienfahrt. Alles was sich vor der magischen Zahl 1848 in den Gewässern zwischen der Magellanstraße und der Antarktis abspielte, waren Einzelunternehmungen von ausgesprochenem Expeditionscharakter.
Klaus Müller hat die zweifellos reizvolle Aufgabe angepackt, die frühen Reisen in der Region in einer Monographie zusammen zu stellen, nach Wissen den Rezensenten der einzige derzeit lieferbare Titel in dieser Richtung. Die Einteilung des Bandes in drei "Bücher" und insgesamt elf, durchlaufend gezählte, "Hauptstücke" imponiert etwas extravagant und verleiht der Publikation eine gewisse biblische Attitüde. Diese formell etwas außergewöhnliche Gliederung ist aber inhaltlich wohl geraten. Der Autor faßt die Unternehmungen der einzelnen Kapitäne und ihrer Schiffe bzw. Flotten zu Epochen zusammen, die eine einwandfreie Zuordnung zu den allgemeingeschichtlichen Hintergründen ermöglichen. So stehen die Entdeckungsfahrten von Vespucci und Magellan als "Spanisches Präludium" unter dem Motto "Ein Kontinent steht im Wege", Symbol für die geographischen Probleme, die Machtsphäre der Spanier, welchen im Vertrag von Tordesillas die westliche Hemisphäre zugesprochen wurde, zu erweitern. Magellan prägte diesen Zeitabschnitt mit der Auffindung einer Durchfahrt durch den amerikanischen Kontinent und der ersten Weltumsegelung, wenn er auch an deren Vollendung selbst nicht mehr Teil hatte. Den Entdeckern folgten die Piraten und Kaufleute, erstere vornehmlich Engländer, letztere vor allem Holländer. Holländer waren es auch die mit der ersten Umfahrung der Südspitze Amerikas die eigentliche Kap Horn-Schiffahrt einleiteten. Im Januar 1616 umfuhr die EENDRACHT als erstes Schiff das Kap, dem die Führer der Expedition, Schooten und Le Maire, den Namen der holländischen Stadt Hoorn gaben. Die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts nannte der Verfasser die "Ära der Seemächte in der Kap Hoorn-Region", beteiligt waren hier Engländer, Franzosen und Holländer. Das dritte "Buch" beginnt mit der "zweiten Entdeckung der Welt" im Zeichen der Aufklärung, mit Bougainville und Cook als herausragenden Persönlichkeiten.
Gerade angesichts der großen Qualitäten, welche diese Publikation zweifellos hat, erscheinen die Mängel besonders bedauerlich. Dabei wird man dem Autor typische Anfängerfehler nicht zu sehr ankreiden. Nicht entschuldigt werden aber kann das Lektorat, das offenbar nicht über die gleich Sachkunde verfügt wie der Autor. So muß sich etwa der Kommandant der weithin bekannten BOUNTY, William Bligh, mit "Blight" zitieren lassen und das gleich vier mal. Und Joshua Slocum, der erste Einhand-Weltumsegler, wird in "Jasua" umgetauft. Wenn solche Schnitzer nicht beim Gegenlesen ausgemerzt werden, dann kann man sich den Lektor auch sparen. Zumal das Publikum, welches zu solchen Büchern greift, in der Regel mit den genannten Persönlichkeiten und anderen Exponenten der Schiffahrtsgeschichte wohl vertraut ist. Der Autor verfügt offenbar über kartographische Kenntnisse, die, was bei einem Titel dieser Art sehr begrüßenswert ist, in sehr zahlreiche Kartenskizzen einfließen, welche die einzelnen Unternehmungen veranschaulichen können und sollen. Dabei geht die Lust am Zeichnen aber nicht selten mit dem Autor durch. Ein typisches Beispiel ist die Darstellung der zwei Versuche von Spilberghens Ansteuerung der Magellanstraße im Jahre 1615. Daß die beiden, mit zahlreichen Kreuzkursen behafteten Routen auf einer Darstellung übereinander projiziert werden, führt zu einem, für den Benutzer nicht mehr nachvollziehbaren Kurswirrwarr, der durch ein falsches Datum (8.IV. statt 8.III.) noch vollends zur Konfusion gerät. Zwei technische Skizzen sollen die größere Effizienz moderner Riggformen, vor allem bezüglich der Höhe am Wind, verdeutlichen. Daß dabei, wie dargestellt, der wahre Wind von Luv einfällt, ist logisch, nicht erklärbar ist aber, daß der scheinbare Wind das Schiff in Leerichtung verlässt. Es müßte dem Verfasser doch klar sein, daß der scheinbare Wind nur an Bord des Fahrzeugs selbst existieren kann und nicht in Lee davon. Abgesehen von dem Paradoxon, daß gerade das modernere der beiden Schiffe mit einer größeren Abdrift dargestellt wird.
Daß der Autor nicht über die Beschränkung des Meisters verfügt, zeigt er in der Schlußbetrachtung mit einer Bemerkung über den Falklandkonflikt der 1980er Jahre, indem er sich über die "verdiente Tracht Prügel, welche die Schlachtschiffe der Queen den fremden Diktatoren verabreicht hatten", ausläßt. Das ist Landserheft-Mentalität oder bestenfalls Leserbriefniveau und gehört nicht in ein seriöses Sachbuch über Entdeckungsgeschichte. Auch hieran hat das Lektorat seinen – unguten - Anteil.
Was soll man als Fazit zu einer solchen Publikation sagen? Am ehesten würde man sich eine sorgsam bearbeitete Neuauflage wünschen, denn die vom Autor akribisch erarbeiteten und didaktisch gut vermittelten Grundzüge der Kap Horn-Fahrt vor 1848 sind zu wertvoll, um wegen der unübersehbaren Mängel des Titels verworfen zu werden.
© Wolfgang Bühling