second mate
06.09.2007, 14:35
Ruth Merk
Klassenzimmer unter Segeln. Ein Erziehungs- und Bildungskonzept für junge Menschen, Czwalina Verlag, Hamburg 2006, (=Sportwissenschaft und Sportpraxis, Band 147), ISBN 13: 978-3-88020-476-8, Preis: Euro 20,00
Detlef Soitzek, Clipper-Kapitän der siebziger Jahre, nutzte seine Kenntnisse in der Traditionsschiffahrt zum Umbau des Kümos MINNOW in den Dreimastmarssegelschoner THOR HEYERDAHL und betrieb ihn ab den achtziger Jahren auf Vereinsbasis. Ab 1993 führte er, aufbauend auf frühere Erfahrungen in der Erlebnispädagogik, in Verbindung mit der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog halbjährige Reisen nach Mittelamerika durch. Auf diesen Fahrten nahmen, im Sinne des Outward Bound-Konzepts des Pädagogen Kurt Hahn, jeweils dreißig Schüler der elften Jahrgangsstufe unter pädagogischer Leitung teil. Da der Begriff „Outward Bound“ in England geschützt ist, ließ man sich ein eigenes Markenzeichen, das Label High Seas High School® registrieren. Die letzte Kampagne mit THOR HEYERDAHL fand im Winter 2006/07 statt und führte in die Karibik, nach Costa Rica und Kuba.
Im Mai 2007 ließ die Seeberufsgenossenschaft wissen, daß aufgrund des Zustands des Schiffes keine weitere Erlaubnis für Große Fahrt erteilt werden würde, wodurch das Projekt für den Winter 07/08 in Gefahr war. Am 5.Juli konnte die HL-Schule den interessierten Bewerbern wieder Hoffnung machen, sehr wahrscheinlich würde dieses Jahr die Reise auf dem Schoner JOHANN SMIDT stattfinden, so die Homepage.
Gymnasiallehrerin Ruth Merk, Inhaberin des Sporthochseeschifferscheins mit Traditionsschiffereintrag, war von 1999 bis 2004 in die High Seas High School-Aktivitäten als Projektleiterin eingebunden. Ihre reichen Erfahrungen flossen in die vorliegende Publikation ein, die eine überarbeitete Fassung der 2005 bei der Universität Erlangen-Nürnberg eingereichten Dissertation darstellt.
Wie bei einer Doktorarbeit angezeigt, werden zunächst einmal die Grundlagen der Erlebnispädagogik summarisch dargestellt, konkretisiert an den Idealen von Hermann Lietz, nach dessen Leitsätzen die organisierende Schule des HSHS-Projekts betrieben wird und der pädagogischen Philosophie von Kurt Hahn, der allgemein als Vater der Erlebnispädagogik gilt. Die vier Säulen des Hahnschen Konzepts sind hierbei körperliches Training, Expedition, Projekt und Rettungsdienst. Dabei soll die "Expedition" dem Mangel an Initiative und Spontaneität abhelfen, das "Projekt" auf die "Mühsal und Sorgfalt", die zum Erreichen eines Ziel erforderlich ist, hinweisen. Man sieht, die jahrzehntealten Hahnschen Überlegungen haben im Zeitalter der Computerspielgeneration eher noch an Bedeutung gewonnen. Der Rettungsdienst, heute an Land professionalisiert, verdient an Bord im Rahmen der verschiedenen Notfallsituationen besondere Betonung. Bildungstheoretische und entwicklungspsychologische Ausführungen beschließen das einleitende Kapitel und richten sich naturgemäß vor allem an den Pädagogen.
Der größte Teil der Publikation befaßt sich mit dem Konzept KUS (Klassenzimmer unter Segeln), wie es im Laufe der Jahre entstand und mit dessen expliziter Ausarbeitung und Niederlegung durch die Verfasserin im Rahmen ihrer Tätigkeit als Projektleiterin. Diesen idealtypischen Darstellungen, die praktisch alle relevanten Umstände und Szenarien der Reisen aufgreifen, werden sechs Interviews mit ehemaligen Teilnehmern gegenübergestellt, die teilweise sehr freimütig auch über persönliche Probleme und Schwierigkeiten berichten.
Die Darstellung eines exemplarischen Reiseverlaufs in die Karibik und nach Guatemala inklusive der Landaufenthalte schließt den Textteil ab, ein Literaturverzeichnis, Lehr- und Wachpläne finden sich im Anhang. Ruth Merks Arbeit bietet sicherlich eine gute Möglichkeit, sich näher über die Ziele und Durchführung des HSHS-Projekts zu informieren, den Clipperianer wird es interessieren, was mit "seiner" JOHANN SMIDT nun eigentlich passiert. Ausgeklammert hat die Autorin allerdings einen Diskussionsgegenstand, der nur zu gut bekannt ist. Die hohen Kosten der sechsmonatigen Reise können nur von Söhnen und Töchtern wirklich begüterter Familien aufgebracht werden. Geht so die pädagogische und persönlichkeitsbildende Maßnahme nicht gerade an jenen vorbei, die ihrer am meisten bedürfen?
© Wolfgang Bühling
Klassenzimmer unter Segeln. Ein Erziehungs- und Bildungskonzept für junge Menschen, Czwalina Verlag, Hamburg 2006, (=Sportwissenschaft und Sportpraxis, Band 147), ISBN 13: 978-3-88020-476-8, Preis: Euro 20,00
Detlef Soitzek, Clipper-Kapitän der siebziger Jahre, nutzte seine Kenntnisse in der Traditionsschiffahrt zum Umbau des Kümos MINNOW in den Dreimastmarssegelschoner THOR HEYERDAHL und betrieb ihn ab den achtziger Jahren auf Vereinsbasis. Ab 1993 führte er, aufbauend auf frühere Erfahrungen in der Erlebnispädagogik, in Verbindung mit der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog halbjährige Reisen nach Mittelamerika durch. Auf diesen Fahrten nahmen, im Sinne des Outward Bound-Konzepts des Pädagogen Kurt Hahn, jeweils dreißig Schüler der elften Jahrgangsstufe unter pädagogischer Leitung teil. Da der Begriff „Outward Bound“ in England geschützt ist, ließ man sich ein eigenes Markenzeichen, das Label High Seas High School® registrieren. Die letzte Kampagne mit THOR HEYERDAHL fand im Winter 2006/07 statt und führte in die Karibik, nach Costa Rica und Kuba.
Im Mai 2007 ließ die Seeberufsgenossenschaft wissen, daß aufgrund des Zustands des Schiffes keine weitere Erlaubnis für Große Fahrt erteilt werden würde, wodurch das Projekt für den Winter 07/08 in Gefahr war. Am 5.Juli konnte die HL-Schule den interessierten Bewerbern wieder Hoffnung machen, sehr wahrscheinlich würde dieses Jahr die Reise auf dem Schoner JOHANN SMIDT stattfinden, so die Homepage.
Gymnasiallehrerin Ruth Merk, Inhaberin des Sporthochseeschifferscheins mit Traditionsschiffereintrag, war von 1999 bis 2004 in die High Seas High School-Aktivitäten als Projektleiterin eingebunden. Ihre reichen Erfahrungen flossen in die vorliegende Publikation ein, die eine überarbeitete Fassung der 2005 bei der Universität Erlangen-Nürnberg eingereichten Dissertation darstellt.
Wie bei einer Doktorarbeit angezeigt, werden zunächst einmal die Grundlagen der Erlebnispädagogik summarisch dargestellt, konkretisiert an den Idealen von Hermann Lietz, nach dessen Leitsätzen die organisierende Schule des HSHS-Projekts betrieben wird und der pädagogischen Philosophie von Kurt Hahn, der allgemein als Vater der Erlebnispädagogik gilt. Die vier Säulen des Hahnschen Konzepts sind hierbei körperliches Training, Expedition, Projekt und Rettungsdienst. Dabei soll die "Expedition" dem Mangel an Initiative und Spontaneität abhelfen, das "Projekt" auf die "Mühsal und Sorgfalt", die zum Erreichen eines Ziel erforderlich ist, hinweisen. Man sieht, die jahrzehntealten Hahnschen Überlegungen haben im Zeitalter der Computerspielgeneration eher noch an Bedeutung gewonnen. Der Rettungsdienst, heute an Land professionalisiert, verdient an Bord im Rahmen der verschiedenen Notfallsituationen besondere Betonung. Bildungstheoretische und entwicklungspsychologische Ausführungen beschließen das einleitende Kapitel und richten sich naturgemäß vor allem an den Pädagogen.
Der größte Teil der Publikation befaßt sich mit dem Konzept KUS (Klassenzimmer unter Segeln), wie es im Laufe der Jahre entstand und mit dessen expliziter Ausarbeitung und Niederlegung durch die Verfasserin im Rahmen ihrer Tätigkeit als Projektleiterin. Diesen idealtypischen Darstellungen, die praktisch alle relevanten Umstände und Szenarien der Reisen aufgreifen, werden sechs Interviews mit ehemaligen Teilnehmern gegenübergestellt, die teilweise sehr freimütig auch über persönliche Probleme und Schwierigkeiten berichten.
Die Darstellung eines exemplarischen Reiseverlaufs in die Karibik und nach Guatemala inklusive der Landaufenthalte schließt den Textteil ab, ein Literaturverzeichnis, Lehr- und Wachpläne finden sich im Anhang. Ruth Merks Arbeit bietet sicherlich eine gute Möglichkeit, sich näher über die Ziele und Durchführung des HSHS-Projekts zu informieren, den Clipperianer wird es interessieren, was mit "seiner" JOHANN SMIDT nun eigentlich passiert. Ausgeklammert hat die Autorin allerdings einen Diskussionsgegenstand, der nur zu gut bekannt ist. Die hohen Kosten der sechsmonatigen Reise können nur von Söhnen und Töchtern wirklich begüterter Familien aufgebracht werden. Geht so die pädagogische und persönlichkeitsbildende Maßnahme nicht gerade an jenen vorbei, die ihrer am meisten bedürfen?
© Wolfgang Bühling