second mate
04.11.2007, 23:22
Heinrich Blume
Tagebuchnotizen aus dem Persergolfkrieg Irak-Iran. Als deutscher Kapitän auf islamischem Schiff im Handelskrieg, edition fischer im R.G. Fischer Verlag, Frankfurt 2005, 200 Seiten, Preis:Euro 13.80
Die Meisten werden sich noch daran erinnern, daß vor George Dabbeljuh schon sein Vater einen Krieg gegen den Irak geführt hat. Etwas blasser sind sicher schon die Erinnerungen daran, daß schon von 1980 bis 1988 ein Krieg im Persergolf tobte, und zwar zwischen Iran und Irak , wobei Letzterer auf westlicherseits gelieferte Waffensysteme zurückgreifen konnte.
Clipper-Kapitän Hein Blume geriet in diese Persergolf-Wirren und das begann so: „Ich war noch I. Offz., genannt „Chief mate“, und hatte eigentlich keine Chancen, jemals Kapitän zu werden. Zu dieser Zeit wurden durch jedes neue Containerschiff mindestens acht herkömmliche konventionelle Stückgutfrachter ersetzt. Es gab schlichtweg keine Jobs, dafür immer mehr Arbeitslosigkeit. Davon war auch ich oft genug betroffen. Wir kamen mit unserem nigelnagelneuen „Bulky“ (Massengutfrachter), den wir gerade erst in Sevilla von der Bauwerft abgeholt hatten, mit ca. 32 000 tons Weizen von Argentinien in den Persischen Golf.“
Als der Zielhafen Bandar Abbas im Süden des Iran erreicht ist, erfährt die Besatzung, dass
die Ladung nunmehr für Bandar Khomeini im Norden des Persergolfs bestimmt ist. Kapitän Tamm erklärt kurzerhand: „Ich fahre dort nicht hin. Wenn Sie fahren wollen, sind Sie ab morgen Kapitän.“ Die Weigerung des Schiffsführers hatte gute Gründe. Der Norden des Persergolfs war seitens des Irak zum Kriegsgebiet erklärt worden, jegliche Fahrzeuge wurden vom dort aus mit Lenkwaffen beschossen.
Die Erlebnisse als Kapitän der iranischen Staatsreederei von August 1984 bis Februar 1985
gibt Hein Blume in Form seiner Tagebuchaufzeichnungen wieder. Da sich seine Publikation auch an das nicht seefahrende Publikum wendet, werden die Notizen ausführlich kommentiert, nicht nur was die besonderen Umstände der Schiffahrt im Krieg, sondern vielfach auch den ganz normalen Bordalltag auf einem Massengutfrachter angeht.
Zwei mal fuhr Hein Blume den Höllenritt durch den nördlichen Persergolf, einmal, um die genannte Weizenladung nach Bandar Khomeini zu bringen, ein zweites Mal, um aus Seoul geholten Stahl ebenfalls dorthin zu bringen.
Angesagt war hierzu jeweils zwischen der Straße von Hormuz und dem Bestimmungshafen Konvoifahrt mit zum Teil steinzeitlichen Vorkehrungen der Iraner: „...übernehmen ein Flakgeschütz russischer Bauart, einen 23 mm Zwilling, ein einfaches Feldgeschütz , ohne Radarleitung oder ähnliches, das auf Luke drei gut gelascht wird, dazu drei iranische Soldaten.“ Die Empfehlungen und Hilfestellungen der iranischen Marine waren bruchstückhaft, viele Details der Sicherheitsmaßnahmen arbeitete Hein Blume selbst, zusammen mit einem befreundeten indischen Kapitän aus, diese sind dem Buch im Anhang beigegeben. Dossiers hierzu wurden später dem Bundesverteidigungsministerium übergeben und zwischenzeitlich in Aufsatzform in Fachzeitschriften veröffentlicht. Hierzu noch einmal das Tagebuch: „Das Bb.-Rettungsboot wird vorne an Stb.-Seite so nach außenbords in den Kran I gehängt, dass es von Hand gefiert werden kann, ebenso wird das Malerfloß im Kran nach Steuerbord außenbords gehängt. Gas- und Sauerstofflaschen werden aus dem Aufbautenbereich gebracht, alle F. –Schläuche angeschlossen. Handfeuerlöscher aus dem Aufbau an Deck verteilt, Netze, Lotsenleiten, Tampen an der Vorkante Brücke herunter geführt zum Hauptdeck ... Hitzschutzanzüge liegen auf der Brücke bereit mit Preßluftatmern. Die Rettungsinseln liegen auch an Hauptdeck vorne und mittschiffs. Die Bulleyes sind verdunkelt, z.T. übermalt.“
Acht Raketen werden auf den Konvoi abgefeuert, vier davon treffen. Heins Schiff erreicht unbeschadet Bandar Khomeini, nur ein kleiner Teil der Besatzung war an Bord verblieben, die meisten Crewmitglieder waren über Land zum Zielhafen verbracht worden. Kaum ist die unmittelbare Gefahr durch Raketenbeschuß vorbei, gibt es während der Liegezeit neuen „trouble“. Der erste Offizier erweist sich unfähig, Stabilitätsberechnungen zu erstellen, Hein zieht sich die Todfeindschaft des philippinischen Bootsmanns zu, mehrere Mordanschläge auf ihn sind die Folge. Die Crewing Agency in Hamburg verzögert die Auszahlung der Heuer, was die Unruhe unter der Mannschaft weiter aufheizt. Auch auf der Ausreise von Bandar Khomeini wird der Konvoi wieder fünf mal mit Lenkwaffen beschossen, zwei Schiffe werden getroffen. In Sharjah, in der Nähe der Straße von Hormus dann ein Lichtblick, die Randalierer in der Crew werden gegen eine neue Besatzung ausgetauscht, es kommt auch Ersatz für den ersten Steuermann und von nun an klappt alles Personelle an Bord vorzüglich. In Ballast geht es nach Seoul und von dort mit Stahlprodukten ein weiteres Mal nach Bandar Khomeini. Diesmal bleibt der Raketenbeschuß aus, für alle Beteiligten ebenso erfreulich wie unerklärlich. Nach dieser zweiten Reise mustert Hein ab, kurz darauf kommen die Kampfhandlungen der erschöpften Kriegsparteien zum Erliegen.
Hein Blumes Buch bietet einen tiefen Einblick in den Bordbetrieb eines Massengutfrachters einerseits und eine authentische Darstellung des Handelskriegs im Persergolf andererseits. Man kann es dem Laien wie dem befahrenen Seemann nachdrücklich zur Lektüre empfehlen.
Wolfgang Bühling
Tagebuchnotizen aus dem Persergolfkrieg Irak-Iran. Als deutscher Kapitän auf islamischem Schiff im Handelskrieg, edition fischer im R.G. Fischer Verlag, Frankfurt 2005, 200 Seiten, Preis:Euro 13.80
Die Meisten werden sich noch daran erinnern, daß vor George Dabbeljuh schon sein Vater einen Krieg gegen den Irak geführt hat. Etwas blasser sind sicher schon die Erinnerungen daran, daß schon von 1980 bis 1988 ein Krieg im Persergolf tobte, und zwar zwischen Iran und Irak , wobei Letzterer auf westlicherseits gelieferte Waffensysteme zurückgreifen konnte.
Clipper-Kapitän Hein Blume geriet in diese Persergolf-Wirren und das begann so: „Ich war noch I. Offz., genannt „Chief mate“, und hatte eigentlich keine Chancen, jemals Kapitän zu werden. Zu dieser Zeit wurden durch jedes neue Containerschiff mindestens acht herkömmliche konventionelle Stückgutfrachter ersetzt. Es gab schlichtweg keine Jobs, dafür immer mehr Arbeitslosigkeit. Davon war auch ich oft genug betroffen. Wir kamen mit unserem nigelnagelneuen „Bulky“ (Massengutfrachter), den wir gerade erst in Sevilla von der Bauwerft abgeholt hatten, mit ca. 32 000 tons Weizen von Argentinien in den Persischen Golf.“
Als der Zielhafen Bandar Abbas im Süden des Iran erreicht ist, erfährt die Besatzung, dass
die Ladung nunmehr für Bandar Khomeini im Norden des Persergolfs bestimmt ist. Kapitän Tamm erklärt kurzerhand: „Ich fahre dort nicht hin. Wenn Sie fahren wollen, sind Sie ab morgen Kapitän.“ Die Weigerung des Schiffsführers hatte gute Gründe. Der Norden des Persergolfs war seitens des Irak zum Kriegsgebiet erklärt worden, jegliche Fahrzeuge wurden vom dort aus mit Lenkwaffen beschossen.
Die Erlebnisse als Kapitän der iranischen Staatsreederei von August 1984 bis Februar 1985
gibt Hein Blume in Form seiner Tagebuchaufzeichnungen wieder. Da sich seine Publikation auch an das nicht seefahrende Publikum wendet, werden die Notizen ausführlich kommentiert, nicht nur was die besonderen Umstände der Schiffahrt im Krieg, sondern vielfach auch den ganz normalen Bordalltag auf einem Massengutfrachter angeht.
Zwei mal fuhr Hein Blume den Höllenritt durch den nördlichen Persergolf, einmal, um die genannte Weizenladung nach Bandar Khomeini zu bringen, ein zweites Mal, um aus Seoul geholten Stahl ebenfalls dorthin zu bringen.
Angesagt war hierzu jeweils zwischen der Straße von Hormuz und dem Bestimmungshafen Konvoifahrt mit zum Teil steinzeitlichen Vorkehrungen der Iraner: „...übernehmen ein Flakgeschütz russischer Bauart, einen 23 mm Zwilling, ein einfaches Feldgeschütz , ohne Radarleitung oder ähnliches, das auf Luke drei gut gelascht wird, dazu drei iranische Soldaten.“ Die Empfehlungen und Hilfestellungen der iranischen Marine waren bruchstückhaft, viele Details der Sicherheitsmaßnahmen arbeitete Hein Blume selbst, zusammen mit einem befreundeten indischen Kapitän aus, diese sind dem Buch im Anhang beigegeben. Dossiers hierzu wurden später dem Bundesverteidigungsministerium übergeben und zwischenzeitlich in Aufsatzform in Fachzeitschriften veröffentlicht. Hierzu noch einmal das Tagebuch: „Das Bb.-Rettungsboot wird vorne an Stb.-Seite so nach außenbords in den Kran I gehängt, dass es von Hand gefiert werden kann, ebenso wird das Malerfloß im Kran nach Steuerbord außenbords gehängt. Gas- und Sauerstofflaschen werden aus dem Aufbautenbereich gebracht, alle F. –Schläuche angeschlossen. Handfeuerlöscher aus dem Aufbau an Deck verteilt, Netze, Lotsenleiten, Tampen an der Vorkante Brücke herunter geführt zum Hauptdeck ... Hitzschutzanzüge liegen auf der Brücke bereit mit Preßluftatmern. Die Rettungsinseln liegen auch an Hauptdeck vorne und mittschiffs. Die Bulleyes sind verdunkelt, z.T. übermalt.“
Acht Raketen werden auf den Konvoi abgefeuert, vier davon treffen. Heins Schiff erreicht unbeschadet Bandar Khomeini, nur ein kleiner Teil der Besatzung war an Bord verblieben, die meisten Crewmitglieder waren über Land zum Zielhafen verbracht worden. Kaum ist die unmittelbare Gefahr durch Raketenbeschuß vorbei, gibt es während der Liegezeit neuen „trouble“. Der erste Offizier erweist sich unfähig, Stabilitätsberechnungen zu erstellen, Hein zieht sich die Todfeindschaft des philippinischen Bootsmanns zu, mehrere Mordanschläge auf ihn sind die Folge. Die Crewing Agency in Hamburg verzögert die Auszahlung der Heuer, was die Unruhe unter der Mannschaft weiter aufheizt. Auch auf der Ausreise von Bandar Khomeini wird der Konvoi wieder fünf mal mit Lenkwaffen beschossen, zwei Schiffe werden getroffen. In Sharjah, in der Nähe der Straße von Hormus dann ein Lichtblick, die Randalierer in der Crew werden gegen eine neue Besatzung ausgetauscht, es kommt auch Ersatz für den ersten Steuermann und von nun an klappt alles Personelle an Bord vorzüglich. In Ballast geht es nach Seoul und von dort mit Stahlprodukten ein weiteres Mal nach Bandar Khomeini. Diesmal bleibt der Raketenbeschuß aus, für alle Beteiligten ebenso erfreulich wie unerklärlich. Nach dieser zweiten Reise mustert Hein ab, kurz darauf kommen die Kampfhandlungen der erschöpften Kriegsparteien zum Erliegen.
Hein Blumes Buch bietet einen tiefen Einblick in den Bordbetrieb eines Massengutfrachters einerseits und eine authentische Darstellung des Handelskriegs im Persergolf andererseits. Man kann es dem Laien wie dem befahrenen Seemann nachdrücklich zur Lektüre empfehlen.
Wolfgang Bühling