second mate
20.12.2007, 21:39
Jörn Buchholz/Harald Focke
Auf Lloyd-Frachtern. Erinnerungen 1957 bis 1964
Hauschild-Verlag, Bremen 2007, 95 Seiten, Preis: Euro 18.50
Jörn Buchholz, Jahrgang 1938 wurde nach seiner Elektrikerlehre beim Norddeutschen Lloyd als E-Assi angenommen. Er erfüllte sich damit seinen Traum, „hinaus in die weite Welt“ zu ziehen und erwischte dafür einen günstigen Zeitpunkt. Nach jahrelangem Darniederliegen und schwierigen Neuanfängen ab 1951 gab es 1957 wieder eine aufstrebende deutsche Schiffahrt. Auch der Norddeutsche Lloyd bediente mit Qualitätsbauten deutscher Werften wieder sein weltweites Liniennetz. Insgesamt fuhren die deutschen Reedereien nach 600 Häfen in 110 Ländern. Buchholz’ erstes Schiff war MS BODENSTEIN, im Oktober 1956 beim Bremer Vulkan vom Stapel gelaufen. Das Sagen hatte Kapitän Breckwoldt, (mit Vornamen Johannes, nicht Hein!), ein Mann vom alten Schlag, für den das Maschinenpersonal, zu dem auch die E-Techniker rechneten, die „Flurplattenindianer“ waren. Buchholz profitierte fachlich viel auf dieser Reise, sein erster Elektriker hatte bereits vor dem Krieg beim Lloyd gefahren und war mit allen Wassern gewaschen. Die Aufgaben waren durchaus vielfältig. Neben der Stromerzeugung und dem gesamten Leitungsnetz inklusive einer Unzahl von Lichtquellen waren Winden, Pumpen, Kompressoren, die Kühlmaschinen und andere elektrische Einrichtungen, etwa an der Rudermaschine zu betreuen und gegebenenfalls zu reparieren. Auf deutschen Frachtschiffen gab es bis 1950 ausschließlich Gleichstromanlagen, erst 1955 läutete die Hamburg Süd das Drehstromzeitalter ein, der konservative Lloyd folgte mit Verzögerung. Eine Besonderheit waren auf BODENSTEIN daher die Gleichstrom-Ladewinden, 18 an der Zahl für fünf Luken. Herrschte Lade- oder Löschbetrieb, durften die Elektriker nicht von Bord, um beim Ausfall eines Aggregats sofort eingreifen zu können.
Im Laufe seiner Fahrenszeit lernte Buchholz außer BODENSTEIN die Lloyd-Schiffe LIEBENSTEIN, NECKARSTEIN, SCHWABENSTEIN und SPREESTEIN kennen, zum Teil im Rahmen von Urlaubs- und Hafenvertretungen. Zum Einsatz auf dem Turbiner NECKARSTEIN erzählt er, dass man ihn eigentlich auf die BREMEN schicken wollte. Nun waren die Passagierschiffe beim technischen Personal nicht sonderlich beliebt, schon wegen der mangelhaften Unterkunftssituation. Zudem hätte er, der 1961 zum 1. Elektriker aufgestiegen war, wieder als Assi fahren müssen. Buchholz verweist auf seinen noch nicht beendeten Urlaub und kommt damit zunächst durch, aber sein Chef ist verärgert. „ Das merkte ich daran, dass ich nach dem Urlaub eine Art Strafversetzung erhielt. Ich kam als E-Assi auf das Turbinenschiff NECKARSTEIN. Es war bei den Elektrikern als Arbeitsschiff bekannt. Das hieß Überstunden ohne Ende.“ Dazu ein Auszug: „Die folgenden Reisen werde ich nie vergessen, denn uns blieb nichts erspart. Auf einem Turbinenschiff wie der Neckarstein wird nach Ankunft im Hafen der Betrieb der Hauptturbine herunter gefahren. Dazu muß sie durch langsames Drehen mit einer elektrischen Drehvorrichtung etwa vier Stunden gleichmäßig abkühlen. Beim Einlaufen in Los Angeles stellte sich heraus, dass der Motor der Drehvorrichtung defekt war. Deshalb musste die Turbine zunächst von Hand gedreht werden. Hierfür gab es an dem Getriebe einen Vierkant-Wellenzapfen, über den sich die Hauptturbine mit Hilfe eines langen Schlüssels drehen ließ. Allerdings mussten zwei Mann mit einer zwei Meter langen Verlängerung mit aller Kraft ziehen, damit sich die Turbine überhaupt bewegte. Dabei mussten sie den Propeller und die Welle mitdrehen. Die beiden damit beauftragten Leute mussten jeweils nach einer halben Stunde abgelöst werden, weil sie spätestens dann erschöpft waren.
Jörn Buchholz berichtet in diesem Buch aus einer Epoche, die längst Geschichte geworden ist, aus der Zeit der klassischen Stückgutfahrt. In gewissem Sinne kann sie, zumindest aus der Sicht der Mannschaften, als das Goldene Zeitalter der Schiffahrt betrachtet werden. Die Unbillen der Segelschiffszeit mit ihren hohen Verlusten, mit schlechter Unterkunft und oft miserabler Proviantierung, waren ebenso vorüber wie die nicht selten unmenschlichen Arbeitsbedingungen im Heizraum der kohlebefeuerten Dampfschiffe. Auf der anderen Seite war noch nicht alles und jedes automatisiert, die Besatzungen (44 Mann auf Bodenstein) waren noch zahlreich, jeder ein Spezialist in seinem Fach. Die Techniker besaßen alle eine handwerkliche Grundausbildung und konnten vielfältige Reparaturen in großzügigen Werkstätten ausführen. Es gab noch ein soziales Leben an Bord, man traf sich regelmäßig auf dem Palaverdeck, anstatt sich vor den Videorecorder zurückzuziehen. Und es gab Liegezeiten, von denen die Container-Generation nur träumen kann und die auch den einen oder anderen Landausflug ermöglichten. So konnte Buchholz bei seinen Reisen an die Westküste Nordamerikas Hollywood, Disneyland, den Redwood Forest und den Yosemite-Nationalpark besuchen.
Die Seefahrtserinnerungen eines Bordelektrikers – einmal etwas erfrischend Anderes und nach Wissen des Rezensenten ist es die bisher einzige deutschsprachige Publikation in dieser Richtung. Sie wird dem damals dabei Gewesenen ebenso erfreuliche Erinnerungslektüre sein, wie sie für den Nachgeborenen ein interessantes Zeitzeugnis darstellt. Obgleich Co-Autor Harald Focke, wie er im Vorwort schreibt, die Aufzeichnungen „fachlich entlastet und vereinfacht“ hat, muß der Leser schon ein wenig Aufgeschlossenheit gegenüber technischen Themen mitbringen, aber bei welchem Schiffahrtsfreund wäre dies nicht der Fall?
Wolfgang Bühling
Auf Lloyd-Frachtern. Erinnerungen 1957 bis 1964
Hauschild-Verlag, Bremen 2007, 95 Seiten, Preis: Euro 18.50
Jörn Buchholz, Jahrgang 1938 wurde nach seiner Elektrikerlehre beim Norddeutschen Lloyd als E-Assi angenommen. Er erfüllte sich damit seinen Traum, „hinaus in die weite Welt“ zu ziehen und erwischte dafür einen günstigen Zeitpunkt. Nach jahrelangem Darniederliegen und schwierigen Neuanfängen ab 1951 gab es 1957 wieder eine aufstrebende deutsche Schiffahrt. Auch der Norddeutsche Lloyd bediente mit Qualitätsbauten deutscher Werften wieder sein weltweites Liniennetz. Insgesamt fuhren die deutschen Reedereien nach 600 Häfen in 110 Ländern. Buchholz’ erstes Schiff war MS BODENSTEIN, im Oktober 1956 beim Bremer Vulkan vom Stapel gelaufen. Das Sagen hatte Kapitän Breckwoldt, (mit Vornamen Johannes, nicht Hein!), ein Mann vom alten Schlag, für den das Maschinenpersonal, zu dem auch die E-Techniker rechneten, die „Flurplattenindianer“ waren. Buchholz profitierte fachlich viel auf dieser Reise, sein erster Elektriker hatte bereits vor dem Krieg beim Lloyd gefahren und war mit allen Wassern gewaschen. Die Aufgaben waren durchaus vielfältig. Neben der Stromerzeugung und dem gesamten Leitungsnetz inklusive einer Unzahl von Lichtquellen waren Winden, Pumpen, Kompressoren, die Kühlmaschinen und andere elektrische Einrichtungen, etwa an der Rudermaschine zu betreuen und gegebenenfalls zu reparieren. Auf deutschen Frachtschiffen gab es bis 1950 ausschließlich Gleichstromanlagen, erst 1955 läutete die Hamburg Süd das Drehstromzeitalter ein, der konservative Lloyd folgte mit Verzögerung. Eine Besonderheit waren auf BODENSTEIN daher die Gleichstrom-Ladewinden, 18 an der Zahl für fünf Luken. Herrschte Lade- oder Löschbetrieb, durften die Elektriker nicht von Bord, um beim Ausfall eines Aggregats sofort eingreifen zu können.
Im Laufe seiner Fahrenszeit lernte Buchholz außer BODENSTEIN die Lloyd-Schiffe LIEBENSTEIN, NECKARSTEIN, SCHWABENSTEIN und SPREESTEIN kennen, zum Teil im Rahmen von Urlaubs- und Hafenvertretungen. Zum Einsatz auf dem Turbiner NECKARSTEIN erzählt er, dass man ihn eigentlich auf die BREMEN schicken wollte. Nun waren die Passagierschiffe beim technischen Personal nicht sonderlich beliebt, schon wegen der mangelhaften Unterkunftssituation. Zudem hätte er, der 1961 zum 1. Elektriker aufgestiegen war, wieder als Assi fahren müssen. Buchholz verweist auf seinen noch nicht beendeten Urlaub und kommt damit zunächst durch, aber sein Chef ist verärgert. „ Das merkte ich daran, dass ich nach dem Urlaub eine Art Strafversetzung erhielt. Ich kam als E-Assi auf das Turbinenschiff NECKARSTEIN. Es war bei den Elektrikern als Arbeitsschiff bekannt. Das hieß Überstunden ohne Ende.“ Dazu ein Auszug: „Die folgenden Reisen werde ich nie vergessen, denn uns blieb nichts erspart. Auf einem Turbinenschiff wie der Neckarstein wird nach Ankunft im Hafen der Betrieb der Hauptturbine herunter gefahren. Dazu muß sie durch langsames Drehen mit einer elektrischen Drehvorrichtung etwa vier Stunden gleichmäßig abkühlen. Beim Einlaufen in Los Angeles stellte sich heraus, dass der Motor der Drehvorrichtung defekt war. Deshalb musste die Turbine zunächst von Hand gedreht werden. Hierfür gab es an dem Getriebe einen Vierkant-Wellenzapfen, über den sich die Hauptturbine mit Hilfe eines langen Schlüssels drehen ließ. Allerdings mussten zwei Mann mit einer zwei Meter langen Verlängerung mit aller Kraft ziehen, damit sich die Turbine überhaupt bewegte. Dabei mussten sie den Propeller und die Welle mitdrehen. Die beiden damit beauftragten Leute mussten jeweils nach einer halben Stunde abgelöst werden, weil sie spätestens dann erschöpft waren.
Jörn Buchholz berichtet in diesem Buch aus einer Epoche, die längst Geschichte geworden ist, aus der Zeit der klassischen Stückgutfahrt. In gewissem Sinne kann sie, zumindest aus der Sicht der Mannschaften, als das Goldene Zeitalter der Schiffahrt betrachtet werden. Die Unbillen der Segelschiffszeit mit ihren hohen Verlusten, mit schlechter Unterkunft und oft miserabler Proviantierung, waren ebenso vorüber wie die nicht selten unmenschlichen Arbeitsbedingungen im Heizraum der kohlebefeuerten Dampfschiffe. Auf der anderen Seite war noch nicht alles und jedes automatisiert, die Besatzungen (44 Mann auf Bodenstein) waren noch zahlreich, jeder ein Spezialist in seinem Fach. Die Techniker besaßen alle eine handwerkliche Grundausbildung und konnten vielfältige Reparaturen in großzügigen Werkstätten ausführen. Es gab noch ein soziales Leben an Bord, man traf sich regelmäßig auf dem Palaverdeck, anstatt sich vor den Videorecorder zurückzuziehen. Und es gab Liegezeiten, von denen die Container-Generation nur träumen kann und die auch den einen oder anderen Landausflug ermöglichten. So konnte Buchholz bei seinen Reisen an die Westküste Nordamerikas Hollywood, Disneyland, den Redwood Forest und den Yosemite-Nationalpark besuchen.
Die Seefahrtserinnerungen eines Bordelektrikers – einmal etwas erfrischend Anderes und nach Wissen des Rezensenten ist es die bisher einzige deutschsprachige Publikation in dieser Richtung. Sie wird dem damals dabei Gewesenen ebenso erfreuliche Erinnerungslektüre sein, wie sie für den Nachgeborenen ein interessantes Zeitzeugnis darstellt. Obgleich Co-Autor Harald Focke, wie er im Vorwort schreibt, die Aufzeichnungen „fachlich entlastet und vereinfacht“ hat, muß der Leser schon ein wenig Aufgeschlossenheit gegenüber technischen Themen mitbringen, aber bei welchem Schiffahrtsfreund wäre dies nicht der Fall?
Wolfgang Bühling