second mate
07.01.2008, 17:21
Andreas Hantschk/Michael Jung
Forschungsschiff XARIFA. Ein Meilenstein der modernen Meeresökologie, Wien 1999 (=Veröffentlichungen aus dem Naturhistorischen Museum Wien, Neue Folge 24), 100 Seiten, Preis: EURO 18.20, Bestellung: verlag@nhm-wien.ac.at
Wenn man von bestimmten Menschen sagen kann, sie seien Schoßkinder des Glücks, gehört Hans Hass zweifellos dazu. Auf seiner Abiturreise lernte er 1937 in Südfrankreich Guy Gilpatric, den „Begründer der Unterwasserjagd“ kennen, die Unterwasserwelt sollte ihn fortan nicht mehr loslassen. 1939 unternahm er mit Freunden eine Tauchtour auf die Inseln Curacao und Bonaire in der karibischen See, wo er mit einer selbst entwickelten Unterwasserkamera fotografierte. 1940 folgten Tauchreisen nach Mexico, Kalifornien und Hawaii. Die Vortragsreihe über diese Reisen im stets ausverkauften Berliner Sportpalast ging durchgehend über 240 Tage und brachte, neben zahlreichen Zeitungsartikeln, das „Schwimmtauchen“ mit einem Schlag einer breiten Öffentlichkeit nahe. 1941 entwickelte er in Verbindung mit den Drägerwerken, Lübeck auf der Basis der U-Boottauchretter ein Sauerstoff-Kreislaufgerät für Freitaucher. Während seine Altersgenossen nach und nach in einen mörderischen Krieg abberufen wurden, konnte Hass 1942 eine Tauchexpedition in die ägäische Inselwelt unternehmen und 1943 seine Studien an der Zoologischen Station Neapel fortsetzen. Nach dem Krieg führten ihn seine Reisen 1949 und 1950 in das Rote Meer.
Bereits 1942 hatte Hans Hass den Zweimastschoner SEETEUFEL, mit dem sein voriger Eigner Felix Graf Luckner 1937/38 eine Weltumsegelung unternommen hatte, angekauft. Der Plan, dieses Fahrzeug zu einem Forschungsschiff umzubauen, scheiterte an der Kriegsumständen. SEETEUFEL mußte 1945 an die Sowjetunion abgeliefert werden. Das Fahrzeug existiert noch und ist unter dem Namen NADEZHDA in St.Petersburg registriert (Vgl. Herbert Karting, Deutsche Schoner, Band 6). Der Traum eines eigenen Forschungsschiffes erfüllte sich erst in den fünfziger Jahren, nachdem Hass durch Vortragsreisen, Buch- und Filmproduktionen, vor allem über die Unterwasserwelt des Roten Meeres, wieder über einige Mittel verfügte. Er kaufte 1951 in Kopenhagen für 150000 Kronen von Tuxen und Hagemann einen Kohletransporter. Dieses Schiff und seine Geschichte hatten es in sich, denn das Fahrzeug mit dem schlanken Seglerrumpf war 1927 in Cowes/England als Yacht für den amerikanischen Nähmaschinenfabrikanten Singer gebaut worden.
Hätte Hans Hass geahnt, daß die Rückverwandlung eines dänischen Küstenfrachters in eine für Forschungszwecke geeignete dreimastige Segelyacht weiterer 450 000 D-Mark, für damalige private Verhältnisse eine ungeheuere Summe, bedurfte, hätte er dieses Unternehmen wohl kaum begonnen. In den Jahren 1952 und 1953 erfolgten die Umbauarbeiten in Hamburg auf der Norderwerft von Johann Köser. Da der ursprüngliche Bleikiel entfernt worden war, mußte ein Schalenkiel mit Beton- und Eisenballast gegossen werden, das Schiff völlig neu geriggt und sämtliche Einbauten neu erstellt werden. Ein neuer Antriebsmotor war ebenso fällig wie neue Hilfsdiesel. Aber selbst dann fehlten noch sämtliche Ausrüstungsgegenstände für weltweite Forschungsfahrt, Hass stand schließlich vor einem finanziellen Leck von 300 000 D-Mark, obwohl die Managerin des Unternehmens, die als „Forschermutter“ legendär gewordene Thea Schneider-Lindemann, bei zahlreichen Posten Preisnachlässe erreichen konnte. Hass blieb nichts anderes übrig, als das erste „Unternehmen Xarifa“ als gleichnamigen Film zu vermarkten, wobei die Herzog-Film, welche die fehlenden 300 000 DM vorstreckte, auf einer Spielfilmhandlung bestand So kam es, daß nicht nur Hass selbst, sondern auch seine Frau, eine hübsche Blondine, und die Crew zu Schauspielern wurden, auch der Kapitän des Schiffes, Johannes Diebitsch, der einige Jahre später beim tragischen Untergang der PAMIR auf See bleiben sollte. Diese erste große Forschungsreise führte XARIFA vom August 1953 bis Juni 1954 in die Karibik und zu den Galapagos-Inseln, einem Unterwasserrevier, in dem noch niemals zuvor gefilmt worden war. Neben dem promovierten Zoologen Hass waren drei Gastwissenschaftler an Bord, allen voran der Konrad Lorenz-Schüler Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Als Faktotum hatte Hass Alfons Hochhauser dabei, den er als eine Art Aussteiger in Griechenland kennengelernt hatte und der dort seinerzeit bei den erwähnten Ägäisfahrten als Dolmetscher und Pfadfinder engagiert worden war. Hochhauser war bereits 1938 von Werner Helwig in dem auf Tatsachen beruhenden Roman „Raubfischer in Hellas“ als „Xenophon“ verewigt worden. Der Film „Unternehmen Xarifa“ wurde im Empire-Kino in London uraufgeführt, sein internationaler Erfolg machte Hans Hass endgültig zum unangefochtenen „Tauchpapst“. Die zweite große Expedition der XARIFA begann im Oktober 1957 in Cannes und endete im Oktober des folgenden Jahres in Singapur, sie galt dem Indischen Ozean, Schwerpunkte waren die Malediven und die Nikobaren. Diesmal entstanden 26 populärwissenschaftliche Halbstundenfilme für die BBC und mehrere deutschsprachige Fernsehanstalten.
Hans Hass hatte am Beispiel dieser Reise nur zu deutlich verspürt, daß die Zeiten, in denen Forschungsvorhaben von privater Hand zu realisieren werden konnten, vorbei waren. Die ewigen wirtschaftlichen und technischen Probleme, die der Betrieb von XARIFA mit sich brachte, leid, verkaufte er sein einstiges Traumschiff an den Coca Cola-Generalvertreter für Italien, Carlo Traglio. So liegt sie heute noch, liebevoll gepflegt, im Hafen von Monte Carlo, für den sie so etwas wie ein Markenzeichen geworden ist.
Vorliegende Publikation richtet sich weder direkt an den shiplover noch an den Segler. Als Veröffentlichung des Naturhistorischen Museums Wien erinnert sie vor allem an Hans Hass und die Rolle der XARIFA bei der Erforschung der Meeresfauna. Der Band enthält neben diversen Vorworten zunächst eine Einführung zum Werdegang von Hass und eine summarische Schiffsbiographie. Reiseberichte über die beiden XARIFA-Expeditionen schließen sich an. Filmfachleute und Amateurfilmer werden den Beitrag von Horst Ackermann „Die Xarifa – ein schwimmendes Filmatelier“, der zahlreiche technische Details aufgreift, lesenswert finden. Kein geringerer als Eibl-Eibesfeldt steuerte den Aufsatz „Barbierstuben im Korallenriff“ bei, der von der ersten der beiden Forschungsreisen berichtet. Vor allem den zoologisch Interessierten wird der Querschnitt durch die Forschungsergebnisse der beider XARIFA-Expeditionen ansprechen, der unter anderem mit exakten wissenschaftlichen Zeichnungen aufwartet. Insgesamt ein sehr hübscher, informativer Band, der beim schiffahrtsgeschichtlich Orientierten das Bedürfnis weckt, mehr und Genaueres über die frühere Vorgeschichte des Schiffes zu erfahren.
Wolfgang Bühling
Forschungsschiff XARIFA. Ein Meilenstein der modernen Meeresökologie, Wien 1999 (=Veröffentlichungen aus dem Naturhistorischen Museum Wien, Neue Folge 24), 100 Seiten, Preis: EURO 18.20, Bestellung: verlag@nhm-wien.ac.at
Wenn man von bestimmten Menschen sagen kann, sie seien Schoßkinder des Glücks, gehört Hans Hass zweifellos dazu. Auf seiner Abiturreise lernte er 1937 in Südfrankreich Guy Gilpatric, den „Begründer der Unterwasserjagd“ kennen, die Unterwasserwelt sollte ihn fortan nicht mehr loslassen. 1939 unternahm er mit Freunden eine Tauchtour auf die Inseln Curacao und Bonaire in der karibischen See, wo er mit einer selbst entwickelten Unterwasserkamera fotografierte. 1940 folgten Tauchreisen nach Mexico, Kalifornien und Hawaii. Die Vortragsreihe über diese Reisen im stets ausverkauften Berliner Sportpalast ging durchgehend über 240 Tage und brachte, neben zahlreichen Zeitungsartikeln, das „Schwimmtauchen“ mit einem Schlag einer breiten Öffentlichkeit nahe. 1941 entwickelte er in Verbindung mit den Drägerwerken, Lübeck auf der Basis der U-Boottauchretter ein Sauerstoff-Kreislaufgerät für Freitaucher. Während seine Altersgenossen nach und nach in einen mörderischen Krieg abberufen wurden, konnte Hass 1942 eine Tauchexpedition in die ägäische Inselwelt unternehmen und 1943 seine Studien an der Zoologischen Station Neapel fortsetzen. Nach dem Krieg führten ihn seine Reisen 1949 und 1950 in das Rote Meer.
Bereits 1942 hatte Hans Hass den Zweimastschoner SEETEUFEL, mit dem sein voriger Eigner Felix Graf Luckner 1937/38 eine Weltumsegelung unternommen hatte, angekauft. Der Plan, dieses Fahrzeug zu einem Forschungsschiff umzubauen, scheiterte an der Kriegsumständen. SEETEUFEL mußte 1945 an die Sowjetunion abgeliefert werden. Das Fahrzeug existiert noch und ist unter dem Namen NADEZHDA in St.Petersburg registriert (Vgl. Herbert Karting, Deutsche Schoner, Band 6). Der Traum eines eigenen Forschungsschiffes erfüllte sich erst in den fünfziger Jahren, nachdem Hass durch Vortragsreisen, Buch- und Filmproduktionen, vor allem über die Unterwasserwelt des Roten Meeres, wieder über einige Mittel verfügte. Er kaufte 1951 in Kopenhagen für 150000 Kronen von Tuxen und Hagemann einen Kohletransporter. Dieses Schiff und seine Geschichte hatten es in sich, denn das Fahrzeug mit dem schlanken Seglerrumpf war 1927 in Cowes/England als Yacht für den amerikanischen Nähmaschinenfabrikanten Singer gebaut worden.
Hätte Hans Hass geahnt, daß die Rückverwandlung eines dänischen Küstenfrachters in eine für Forschungszwecke geeignete dreimastige Segelyacht weiterer 450 000 D-Mark, für damalige private Verhältnisse eine ungeheuere Summe, bedurfte, hätte er dieses Unternehmen wohl kaum begonnen. In den Jahren 1952 und 1953 erfolgten die Umbauarbeiten in Hamburg auf der Norderwerft von Johann Köser. Da der ursprüngliche Bleikiel entfernt worden war, mußte ein Schalenkiel mit Beton- und Eisenballast gegossen werden, das Schiff völlig neu geriggt und sämtliche Einbauten neu erstellt werden. Ein neuer Antriebsmotor war ebenso fällig wie neue Hilfsdiesel. Aber selbst dann fehlten noch sämtliche Ausrüstungsgegenstände für weltweite Forschungsfahrt, Hass stand schließlich vor einem finanziellen Leck von 300 000 D-Mark, obwohl die Managerin des Unternehmens, die als „Forschermutter“ legendär gewordene Thea Schneider-Lindemann, bei zahlreichen Posten Preisnachlässe erreichen konnte. Hass blieb nichts anderes übrig, als das erste „Unternehmen Xarifa“ als gleichnamigen Film zu vermarkten, wobei die Herzog-Film, welche die fehlenden 300 000 DM vorstreckte, auf einer Spielfilmhandlung bestand So kam es, daß nicht nur Hass selbst, sondern auch seine Frau, eine hübsche Blondine, und die Crew zu Schauspielern wurden, auch der Kapitän des Schiffes, Johannes Diebitsch, der einige Jahre später beim tragischen Untergang der PAMIR auf See bleiben sollte. Diese erste große Forschungsreise führte XARIFA vom August 1953 bis Juni 1954 in die Karibik und zu den Galapagos-Inseln, einem Unterwasserrevier, in dem noch niemals zuvor gefilmt worden war. Neben dem promovierten Zoologen Hass waren drei Gastwissenschaftler an Bord, allen voran der Konrad Lorenz-Schüler Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Als Faktotum hatte Hass Alfons Hochhauser dabei, den er als eine Art Aussteiger in Griechenland kennengelernt hatte und der dort seinerzeit bei den erwähnten Ägäisfahrten als Dolmetscher und Pfadfinder engagiert worden war. Hochhauser war bereits 1938 von Werner Helwig in dem auf Tatsachen beruhenden Roman „Raubfischer in Hellas“ als „Xenophon“ verewigt worden. Der Film „Unternehmen Xarifa“ wurde im Empire-Kino in London uraufgeführt, sein internationaler Erfolg machte Hans Hass endgültig zum unangefochtenen „Tauchpapst“. Die zweite große Expedition der XARIFA begann im Oktober 1957 in Cannes und endete im Oktober des folgenden Jahres in Singapur, sie galt dem Indischen Ozean, Schwerpunkte waren die Malediven und die Nikobaren. Diesmal entstanden 26 populärwissenschaftliche Halbstundenfilme für die BBC und mehrere deutschsprachige Fernsehanstalten.
Hans Hass hatte am Beispiel dieser Reise nur zu deutlich verspürt, daß die Zeiten, in denen Forschungsvorhaben von privater Hand zu realisieren werden konnten, vorbei waren. Die ewigen wirtschaftlichen und technischen Probleme, die der Betrieb von XARIFA mit sich brachte, leid, verkaufte er sein einstiges Traumschiff an den Coca Cola-Generalvertreter für Italien, Carlo Traglio. So liegt sie heute noch, liebevoll gepflegt, im Hafen von Monte Carlo, für den sie so etwas wie ein Markenzeichen geworden ist.
Vorliegende Publikation richtet sich weder direkt an den shiplover noch an den Segler. Als Veröffentlichung des Naturhistorischen Museums Wien erinnert sie vor allem an Hans Hass und die Rolle der XARIFA bei der Erforschung der Meeresfauna. Der Band enthält neben diversen Vorworten zunächst eine Einführung zum Werdegang von Hass und eine summarische Schiffsbiographie. Reiseberichte über die beiden XARIFA-Expeditionen schließen sich an. Filmfachleute und Amateurfilmer werden den Beitrag von Horst Ackermann „Die Xarifa – ein schwimmendes Filmatelier“, der zahlreiche technische Details aufgreift, lesenswert finden. Kein geringerer als Eibl-Eibesfeldt steuerte den Aufsatz „Barbierstuben im Korallenriff“ bei, der von der ersten der beiden Forschungsreisen berichtet. Vor allem den zoologisch Interessierten wird der Querschnitt durch die Forschungsergebnisse der beider XARIFA-Expeditionen ansprechen, der unter anderem mit exakten wissenschaftlichen Zeichnungen aufwartet. Insgesamt ein sehr hübscher, informativer Band, der beim schiffahrtsgeschichtlich Orientierten das Bedürfnis weckt, mehr und Genaueres über die frühere Vorgeschichte des Schiffes zu erfahren.
Wolfgang Bühling