Törn-Nr. 3932
Schiff: Amphitrite
Beginn: 06.06.2026
Ende: 13.06.2026
Verfasser: Anna Sommerer
LebensdurstICH Segeltörn
Was von diesem Törn bleibt
Wie schreibt man eigentlich einen Törnbericht? Wichtig sind vermutlich die Fakten, also Datum, Crew, Route, Wetter, Details zu den verschiedenen Tagen, vielleicht auch welche Segel wann, welcher Kurs, welche Häfen oder Ankerplätze. Dann mache ich das jetzt also auch mal so:
Der Törn, über den ich schreiben möchte, ist jetzt ziemlich genau einen Monat her. Anhand meiner Fotos, Notizen und der Daten von MarineTraffic kann ich das sicher alles rekonstruieren. Los geht’s: Wir sind mit Zügen aus ganz Deutschland gekommen und am 06.06.2026 in Wismar an Bord gegangen. Nachdem wir uns und die Amphitrite etwas kennengelernt haben, sind wir am späten Nachmittag gestartet und haben die erste Nacht in der Wismarer Bucht geankert.
„Es war schon auch schön, aber […] eben auch extrem“
Der nächste Tag war der, an dem vermutlich die Hälfte von uns mal über der Reling hing und es die ein oder andere Sorge gab, wie man das bitte eine Woche lang aushalten und hinbekommen soll. Viel Übelkeit, viele Wellen, nasse Kleidung und viel Frieren. Es war schon auch schön, aber für viele von uns, die bisher kaum oder gar keine Segelerfahrung hatten, eben auch extrem.
Die nächsten Tage waren, was den Wind anging, dann direkt deutlich ruhiger, wir konnten mehrfach in der Ostsee schwimmen, haben Kiel Holtenau und auch die Kieler Bucht kennen und lieben gelernt, mehrere Landgänge gehabt und haben es auch mal an Kappeln vorbei fast bis nach Dänemark geschafft.
Nach einer Woche, vielen verschiedenen Wachen, viel Segelsetzen, Kuchenessen und um viele Erfahrungen reicher sind wir müde, aber sehr glücklich in Eckernförde angekommen. Fertig.
Aber ist das so aussagekräftig? Ich finde nicht. Beschreibt das wirklich den Törn, bei dem ich dabei war, oder könnte es auch einer von ein paar Wochen vorher oder eine Woche später gewesen sein? Ich fürchte ja. Was für mich im Kopf und Herz, auch nach vier Wochen mehr als präsent ist, ist nicht unbedingt an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit wir welches Segel warum gesetzt haben. Sondern dass wir, eine bunt gemischte Gruppe aus gut 20 jungen Erwachsenen, die alle lebensbedrohliche Erkrankungen hatten oder haben und von denen teilweise einige noch in Therapie sind, das alles zusammen getan haben.
„Wie viel Selbstwirksamkeit kann man bitte beim Segeln erleben?“
Manche kannten sich vorher schon, viele aber auch nicht, manche sind körperlich fit, andere aktuell weniger. Auch das Segeln und die Besonderheiten dieses tollen Schiffes waren vielen von uns noch unbekannt. Aber wir gemeinsam haben die wunderschöne Amphi von Wismar nach Eckernförde gesegelt. Wir haben gemeinsam Segel gesetzt von denen ich mir auch am letzten Tag nicht merken konnte, wie sie genau heißen. Wir gemeinsam haben diesen schweren Anker mit der Kette regelmäßig aus dem Wasser gezogen, teils unter Einsatz unseres gesamten Körpergewichts. Wir haben unter fantastischer Anleitung all diese Dinge getan. Wie viel Selbstwirksamkeit kann man bitte beim Segeln erleben?
Wenn du und ich einen guten Rhythmus finden, gemeinsam am richtigen Seil ziehen, dann können wir im Handumdrehen sehr erfolgreich dazu beitragen, dass dieses riesige Schiff sich bewegt. Idealerweise sogar in die richtige Richtung. Und ehrlich gesagt, auch ohne guten Rhythmus bekommen wir es gemeinsam hin. Es dauert vielleicht länger, macht aber nichts. Mir wird hier zugetraut, dass ich für uns alle am Steuer stehe und den Kurs auf 315 Grad NW halte. Du und ich, wir sind mitverantwortlich, die Tonne an Backbord rechtzeitig zu melden. Wir als Team, wir als die aktive Wache, wir schaffen das alles. Gemeinsam haben wir auch dafür gesorgt, dass wir jeden Tag köstlich gegessen haben, fast jeden Tag gab es zusätzlich frisch gebackenen Kuchen. Wie wundervoll ist das bitte?
Bei den Ankerwachen habe ich nachts um 4:30 Uhr sehr tiefe und schöne Gespräche führen können, einen schönen Sonnenaufgang gesehen und fast nebenbei diverse Werte notiert, um sicherzustellen, dass wir noch mit den richtigen Bedingungen und im richtigen Bereich liegen. Nicht an jedem Tag konnte ich gleich leichtfüßig unterwegs sein. An einem Tag hat mich eine traurige Nachricht von zu Hause erreicht, die mich ins Wanken gebracht hat. Auch in solchen Momenten haben wir aufeinander achtgegeben und geschaut, was gut tun könnte. Ich wusste selbst nicht was ich brauchte oder was mir helfen könnte. Alleine zu weinen war schon einmal nicht hilfreich, das habe ich schnell gemerkt.
„JA, ich mache mit!“
Nun musste die Breitfock bereit gemacht werden. Am Tag vorher war ich mir noch nicht sicher gewesen, ob ich mich (gesichert) die 15 Meter hoch auf die Rah traue. Auch an diesem Tag hätte ich sofort Nein sagen können, aber es wurde ein „JA, ich mache mit!“
Und dann wurde dieser Ort oben auf der Rah auch für mich zu einem Lieblingsplatz. Alleine oder auch zu zweit. Hier oben kann man einfach sein. Man hört das Gewusel an Deck, ist gleichzeitig weit genug weg, um nicht alles mitzubekommen oder zu einer anderen Aufgabe gerufen zu werden. Man kann in alle Richtungen über das Meer schauen, reden, denken und einfach sein. Sich spüren. Alles überblicken und gleichzeitig nichts oder wenig müssen. Das tut mir gut. Vielleicht, weil ich dort nichts leisten musste. Nur schauen, atmen, denken oder auch gar nichts.
„ … es gab ehrliche Antworten“
Innerhalb unserer drei Wachen waren wir unterschiedlich stark, körperlich, mental oder einfach abhängig von Tagesform und Seegang. Und das war total okay. Du kannst heute nicht? Dann springe ich gerne für dich ein. Ihr braucht noch jemanden Dritten und Vierten? Wir sind dabei. Kein Beschämen, kein Frust über vermeintliche Ungleichverteilung der Aufgaben, sondern Engagement, Begeisterung, einfach sehr viele helfende Hände und offene Ohren. In dieser Woche habe ich die Frage „Wie geht es dir?“ oft gehört und auch oft gestellt. Klingt erst einmal nicht ungewöhnlich? Mag sein, aber hier wurde sie selten bis nie einfach nur mit „gut“ oder „schlecht“ beantwortet, sondern es gab ehrliche Antworten. Und genau diese waren willkommen. Wir haben uns ernsthaft füreinander, unsere Situationen, Geschichten und Bedürfnisse interessiert. Ich habe mich in dieser Woche sehr gesehen gefühlt und glaube, dass ich auch dazu beitragen konnte, dass es anderen ähnlich ging.














„Gleichzeitig war da immer wieder Zeit, einfach da zu sein“
Bei uns allen stand der Segeltörn in sehr starkem Kontrast zu dem, wie wir unsere Woche sonst mit Therapie, Ausbildung, Studium, Arbeit oder Familienleben verbringen. Mental Load, ständiges Entscheidungenfällen, vorausschauendes Denken und Handeln sowie das Jonglieren mit beruflichen und privaten Terminen von mir und meinem Kind spielen in meinem Alltag eine sehr große Rolle. Nun eine Woche lang nicht verantwortlich zu sein für die Tages- und Essensplanung, mich den Abläufen anvertrauen und meinen Teil beitragen zu dürfen, war in diesem so herzlichen Umfeld unglaublich wohltuend für mich. Ich denke, dass es vielen ähnlich ging. Der Segelalltag hat ganz andere Dinge von einem verlangt, manchmal auch abverlangt, als es der Alltag tut. Gleichzeitig war da immer wieder Zeit, einfach da zu sein. Mit einem Buch in der Hand, beim Armbänderknüpfen oder im kalten Wasser der Ostsee. Ich habe gemerkt, wie ich mit jedem Tag ein bisschen ruhiger wurde. Ja, körperlich war es vielleicht teilweise intensiver: frühes Aufstehen, wenig Rückzugsmöglichkeiten oder auch das Schlafen mit so vielen Menschen in einem großen Raum war vielleicht für manche herausfordernd.
Wir haben uns dieser Herausforderung allerdings freiwillig gestellt, sind über uns hinausgewachsen und haben uns, zumindest kann ich das für mich sagen, selbst noch besser kennengelernt. Diese Woche war für mich noch intensiver und schöner, als ich sie mir vorher vorgestellt hatte. Und auch schöner als ich sie mir hätte vorstellen können.
Ich bin der Crew von Clipper, dem Team von lebensdurstICH* und allen anderen Mitsegler:innen so dankbar und hoffe sehr nächstes Jahr erneut mitsegeln zu können.
Anna Sommerer
*lebensdurstICH: LebensdurstICH e.V. ist ein 2012 gegründeter, gemeinnütziger Verein, der junge Erwachsene mit lebensbedrohlichen Erkrankungen unterstützt und ihnen durch gemeinsame Erlebnisse, wie den jährlichen Segeltörn mit CLIPPER, ein Stück Lebensfreude zurückgibt.
